Die Macht der Farben

Welche Wirkung Rot, Blau und Co. auf uns haben 

Vielen erschien es weiß-golden, andere wiederum schworen auf blau-schwarz. Vor einiger Zeit diskutierten Millionen Internetnutzer eifrig über die Farbe eines Hochzeitskleides, das als Foto ins Netz gestellt worden war. Wieso, fragten sich viele, sehen wir Farben so unterschiedlich?

Des Rätsels Lösung präsentierten kürzlich Forscher in der Fachzeitschrift Current Biology (1): Das Gehirn nimmt Farben unterschiedlich wahr, je nachdem ob die Aufnahme im Schatten oder im Sonnenlicht gemacht wurde. Fallen auf ein Objekt im Schatten nur wenige Sonnenstrahlen, interpretiert es das Gehirn vieler Menschen trotzdem als gelblich.

Daher sah zumindest ein Drittel der 1400 Probanden, vor allem Frauen und ältere Menschen, ein weiß-güldenes Kleid. Mehr als die Hälfte sah dagegen Blau und Schwarz. Einfluss auf die Farbwahrnehmung hat wahrscheinlich auch der blaue Himmel, der uns dazu verführt, Dinge gelblicher zu sehen, als sie sind.

Viele Psychologen, Philosophen und Biologen haben schon über die Wirkung von Farben nachgedacht und geforscht. Bereits Goethe behauptete in seiner Farbenlehre, dass Gelb, Orange und Zinnoberrot heiter und aktiv machen. Vor allem Rot steht im Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Rot scheint für unsere Spezies eine Art Signalfarbe zu sein. Evolutionsforscher vermuten, dass es für Vor- und Frühmenschen von Vorteil war, reife rote Früchte auf Anhieb erkennen.

Tatsächlich können wir uns relativ gut an die Farbe eines Objekts erinnern, wenn es rot oder gelb ist. Das zeigten Christof Kuhbandner und sein Team vom Institut für Psychologie der Universität Regensburg in mehreren Studien.(2) Bei der Farbe Blau waren die Ergebnisse der Studienteilnehmer nur mittelmäßig, und bei Grün erwies sich das Gedächtnis als besonders lückenhaft. Dabei machte es keinen Unterschied, ob die Probanden versuchten, sich die Farben bewusst zu merken, oder sie nur nebenbei wahrnahmen.

Rot wird oft mit Erotik und Anziehung verbunden. Es ist daher keine große Überraschung, dass Frauen in roten Kleidern die größte Wirkung auf Männer haben, wie die US-Psychologen Andrew Elliot und Daniela Niesta von der Universität von Rochester herausfanden.(3)

Das gilt umgekehrt offenbar auch. In einer anderen Studie von Elliot bewerteten Frauen die Fotos von Männern in roten T-Shirts und mit rotem Hintergrund als erotisch anziehend.(4) Gleichzeitig sprachen sie ihnen auch einen höheren Status zu. Für Sportler scheint es ebenfalls vorteilhaft zu sein, ein rotes Trikot zu tragen. Zumindest wenn sie einen Kampfsport betreiben. Englische Psychologen analysierten nach den Olympischen Spielen 2004 die Resultate von Box-, Teakwondo und Ringkämpfen. Hier wurden den Sportlern vor dem Kampf die Farben Rot oder Blau zugelost. Das Ergebnis war relativ eindeutig. Die Sportler mit roten Trikots gewannen zwei Drittel der Kämpfe.(5)

Blau wie der Himmel 

Viele Menschen lieben Blau. Das zeigt beispielhaft eine Studie britischer Forscher der Universität von Newcastle.(6) Mehr als 200 Befragten, darunter 37 Chinesen, wurden immer zwei farbige Rechtecke gezeigt, unter denen sie ihre Lieblingsfarbe auswählen sollten. Die bläulichen Farbtöne siegten. Die weiblichen Studienteilnehmer – auch die Frauen aus China – bevorzugten daneben aber auch rötliche Farbtöne beziehungsweise Pink oder Violett. Warum Blau so positiv wirkt, ist unklar. Vielleicht assoziieren wir die Farbe mit der Weite eines blauen Himmels und mit klarem Wasser.

Aber Blau fördert offenbar auch kreative Leistungen. In einer Studie der Wissenschaftler Ravi Mehta und Rui Zhu von der Universität von British Columbia in Vancouver mussten über 600 Probanden verschiedene Aufgaben lösen.(7) Die Teilnehmer arbeiteten am Computer mit entweder blauem, rotem oder weißem Hintergrund. Es zeigte sich, dass Rot die Aufmerksamkeit erhöht, weil die Teilnehmer in den anschließenden Gedächtnistests die besseren Leistungen erbrachten. Zu kreativeren Lösungen verhalf ein blauer Hintergrund.

Farben beeinflussen sogar unseren Geschmackssinn. Wahrnehmungspsychologen der Universität Mainz testeten in mehreren Experimenten den Einfluss der Beleuchtung bei Weintrinkern.(8) Bei einem Test tranken zum Beispiel 230 Versuchspersonen zwei Gläser desselben Weins, einmal bei roter und einmal bei blauer Beleuchtung. Bei rotem Licht kam der Wein den Testern ungefähr anderthalbmal fruchtiger und süßer vor als bei bläulichem Umgebungslicht.

Rot und Aggressionen: Viele Studien beschäftigten sich mit dieser Verknüpfung, die häufig nachgewiesen wurde. Erst kürzlich zeigten amerikanische und deutsche Wissenschaftler in Studien mit insgesamt 76 Versuchspersonen, dass feindlich gesinnte Menschen die Farbe Rot tendenziell häufiger wahrnehmen als friedlichere Zeitgenossen.(9)

Weiß wie der Tod

Bei alldem gilt es allerdings zu bedenken: Für nichtwestliche Kulturen haben Farben oft eine ganz andere Bedeutung. So sehen manche afrikanischen Stämme Rot als Unglücksfarbe, Grün ist in Japan die Farbe der Liebe. Im Westen steht Weiß für Reinheit, in vielen Teilen Asiens gilt es jedoch als Farbe der Trauer und des Todes.

Aber auch in hiesigen Breiten sind so manche Studien und Theorien über Farbwirkungen mit Vorsicht zu betrachten, wie Andrew Elliot kürzlich erläuterte.(10) Wichtig ist zum Beispiel die sogenannte Farbvalenz,

also der Ton, die Sättigung und die Beleuchtung einer Farbe. Menschen können viele Millionen Farbvalenzen unterscheiden, Farbexperimente müssen daher gut kontrolliert sein und mit exakt kalibrierten Geräten arbeiten.

Angelika Friedl

 

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