Schlauer schleimen

„Das sehe ich genauso, da bin ich ganz bei Ihnen.“ – Vorsicht, die Schmeichler und Anbiederer sind unter uns! Besonders in der Firma. Sie setzen auf sieben bewährte Strategien, um uns unbemerkt zu beeinflussen. 

1) Eine Bauchpinselei lässt sich verschleiern, indem man sie mit einer irreführenden „Entschuldigung“ einleitet – als wäre es einem peinlich, den Adressaten mit dem dann folgenden Kompliment zu behelligen: „Ich will Sie ja nicht in Verlegenheit bringen, aber Ihr Vortrag gestern, ich muss schon sagen, der war spitze!“ „Ich weiß, Sie hören so ein Lob nicht gerne, aber …“ Ein solcher Einstieg lenkt vom Ziel der Schmeichelei ab und lässt den Absender als ehrliche Haut dastehen: Die Lobhudelei ist ihm ja offenkundig selbst peinlich, aber es ist ihm nun mal ein Anliegen, dem Angesprochenen zurückzumelden, wie toll er das gemacht hat.

2) Ein Kompliment als Ratsuche zu tarnen ist eine beliebte Strategie gegenüber Kolleginnen und Kollegen, die schon etwas weiter oben auf der Karriereleiter stehen. „Ich bewundere, wie Sie das wieder hingekriegt haben“ – das wäre vielleicht zu platt und durchsichtig. Doch die Frage „Wie haben Sie das angestellt?“ transportiert dieselbe Koketterie im Gewand des lernbegierigen Schülers. Der Angesprochene fühlt sich wertgeschätzt: Welche Chefin, welcher einflussreiche Kollege schlüpft nicht gerne in die Rolle des fürsorgenden Mentors, der andere an seinem Erfahrungsschatz teilhaben lässt!

3) Hinter deren Rücken über Vorgesetzte zu lästern ist meist keine gute Idee, denn irgendwie bekommen sie davon Wind. Umso klüger ist die umgekehrte Strategie: Man streut in ihrer Abwesenheit bei jeder sich bietenden Gelegenheit  Komplimente über die Geschäftsführerin oder den Abteilungsleiter. Wird sich schon herumsprechen! So schleimt man sich an, ohne sich anschleimen zu müssen.

4) „Ganz Ihrer Meinung!“ – Jede und jeder von uns mag es, wenn man ihm zustimmt. Doch wenn das andauernd und allzu eifrig geschieht, erregt es Verdacht. So linkisch geht der geschickte Schleimer nicht vor. Er tarnt seine Opportunität durch anfänglichen Widerspruch. Er erhebt Einwände, äußert Bedenken, rudert dann aber im Verlauf der Diskussion mehr und mehr zurück und gibt sich schließlich ob der schlagenden Argumente des Vorgesetzten geschlagen: „Ja, das überzeugt mich, Sie haben recht!“ Der solcherart Geblendete verlässt die Sitzung mit dem Gefühl, einem kritischen, aber konstruktiven Team vorzustehen, das guten – nämlich seinen – Argumenten gegenüber aufgeschlossen ist.

5) Besonders hinterlistige Süßholzraspler stellen als Erstes diskrete Ermittlungen an, wenn sie neu in eine Firma kommen: Was denkt die Teamleiterin denn so, wie tickt sie, wie ist ihr Standpunkt in dieser und jener Strategiedebatte? So kann der Schmeichler in der nächsten Sitzung just dieselben Argumente vortragen, ohne den Anschein zu erwecken, etwas nachzuplappern. Bei der Umschmeichelten muss der Eindruck hängenbleiben, einen Geistesverwandten gewonnen zu haben, dem sie sich anvertrauen kann.

6) Die Wertvorstellungen des Vorgesetzten zu bestätigen ist ebenfalls ein guter Ansatzpunkt, um bei ihm Punkte zu sammeln. Ein Lippenbekenntnis, wie wichtig einem etwa der Schutz der Umwelt sei oder wie sehr es einen doch störe, dass der Staat sich unentwegt in die Privatangelegenheiten der freien Bürger einmische, ist billig zu haben und schafft eine Art konspiratives Einverständnis: Wenn ich den Eindruck habe, dass mein Gegenüber dieselbe Weltanschauung teilt, werde ich auch seinen sonstigen Argumenten aufgeschlossener gegenüberstehen.

7) Auch eine gemeinsame Bezugsgruppe schweißt zusammen. Die geübte Hofschranze hat – was für ein Zufall – ebenfalls Borussia Dortmund als ihren Lieblingsverein auserkoren, sie liebt den Golfplatz, auf dem auch der Chef oft den Schläger schwingt, und sie schätzt dasselbe nette Lokal in Berlin-Mitte, in dem die Direktorin sich so gerne verwöhnen lässt. Und was für eine nette Gemeinsamkeit, dass beide dann auch noch liebe Verwandte im Fränkischen haben!

Thomas Saum-Aldehoff

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 2/2015
Quelle: Psychology Today, 3/4, 2014

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