Bundesstressrepublik Deutschland

04 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

„Im medizinischen Sinne ist Stress das Ausmaß des körperlichen Verschleißens. Wenn wir fühlen, wie uns das, was wir tun – oder was uns angetan wird –, anstrengt und abnutzt, dann haben wir eine vage Ahnung davon, was mit Stress gemeint ist.“ Mit dieser Definition beginnt der ungarisch-kanadische Forscher Hans Selye sein Buch The Stress of Life. Selye hat 1936 das Allgemeine Anpassungssyndrom (und damit die Stressreaktion) entdeckt. Dieses Syndrom umfasst die endokrinologischen Alarmprozesse, die den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereiten. Stress ist nichts anderes als der Versuch des Organismus, eine Belastung oder Bedrohung zu bewältigen.

Selye schildert in seinem Buch, wie er den zunächst umstrittenen Begriff „Stress“ bei seinem ersten Vortrag in Europa einführte, zuerst 1946 in Paris: Nachdem er dommage, tension, détresse als Übersetzungen verworfen hatte, entschied er sich für le stress. Im weiteren Verlauf seiner Vortragsreise sprach er in Deutschland, Italien, Spanien und Portugal von der Stress, lo stress, el stress, o stress. Und er resümiert, etwas kokett: „Selbst wenn meine wissenschaftlichen Leistungen von geringem Wert sein sollten, wird es für immer mein Ruhm bleiben, all diese Sprachen um mindestens ein Wort bereichert zu haben.“

Danke, Hans Selye! Was würden wir in Deutschland ohne dieses Wort nur tun? Stress ist ein deutsches Haupt- und Staatswort geworden. Natürlich auch deshalb, weil das, wofür es steht, in allen modernen Ländern stark zugenommen hat: die tägliche Mühe, das innere Gleichgewicht, die Homöostase zu erhalten oder wiederherzustellen. Aber der Stressverdacht richtet sich immer flächendeckender gegen alles, was nach Veränderung und Herausforderung aussieht. Das Problem ist der selbsterzeugte Daueralarm, die grundsätzliche Neigung, alles und jedes als Kampf und Krampf aufzufassen, als Stress also. Ein böses Bonmot sagt: Für manche ist alles Stress, was nicht Kaffeepause ist. Heidegger, dieser sehr deutsche Philosoph, sprach von der „Sorgestruktur des Daseins“. Heute würde er möglicherweise „Stressstruktur“ schreiben. Und Stress ist auch eine beliebte Metapher: Für Banken und noch zu bauende Großbahnhöfe wurden sogenannte Stresstests erfunden – durch die bloße Simulation äußerster Belastung. Was den Stresstest besteht, so die Logik, auf das kann man sich verlassen. Eigentlich weiß man, dass selbst tote Materie nicht ewig hält. Und schon gar nicht lebende Systeme. Nietzsches Satz „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!“ war schon immer sehr missverständlich. Wer starken Stress überlebt, wird dadurch nicht stärker. Er hat überstanden, weil er eine gute Konstitution hatte – oder Glück. 

Der Stressreport Deutschland 2012 berichtet von 59 Millionen Krankheitstagen „wegen psychischer Belastung am Arbeitsplatz“. 43 Prozent aller Beschäftigten geben an, dass der Leistungsdruck in den letzten beiden Jahren deutlich zugenommen habe. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen beklagt: „Leider machen sich noch viel zu wenige Betriebe Gedanken, wie sie ihre Belegschaft vor Stress und Burnout schützen können.“ Einige der Hauptursachen für den Stress seien zu suchen in der Zunahme von Multitasking, Termin- und Leistungsdruck, von Unterbrechungen und „Sehr-schnell-arbeiten-Müssen“. 

Verdichtung, Temposteigerung, Mehrarbeit in weniger Zeit sind Tatsachen unseres modernen „Daseins“. Vielleicht sollte man nicht nur von Stress sprechen und das Ganze damit als vorwiegend gesundheitliche Frage ansehen. Vielleicht wäre es sinnvoll, wieder von Ausbeutung zu sprechen. Die Arbeitsministerin appelliert in diesem Bericht an die Arbeitgeber, „sich Gedanken zu machen, wie in der modernen Arbeitswelt schädlichem Stress und psychischen Belastungen begegnet werden kann“. Hoffen wir, dass wenigstens der Produktionsausfall zum Gedankenmachen anstößt. Beim Lesen des Stressreports habe ich ein neues Wort gelernt: Präsentismus heißt das Problem, dass Arbeitnehmer selbst dann weiterarbeiten, wenn sie krank sind. Und das seien inzwischen mindestens so viele, wie durch genommene Krankheitstage ausfallen.

 

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