Vom Rüberkommen

11 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

„Seit wann ist Ihr Friseur im Gefängnis?“, wurde der Philosoph Peter Sloterdijk bei einer Diskussionsveranstaltung in Paris aus dem Publikum gefragt. Die schlagfertige Antwort, die Sloterdijk erst hinterher einfiel, wäre gewesen: „Seit 1968.“ Immerhin war sich der Philosoph seiner Erscheinung bewusst, sodass ihm die im Wortsinne von Selbstreflexion zeugende Antwort überhaupt in den Sinn kam. Und er selbst charakterisierte einen Konkurrenten kürzlich als „André Rieu der Philosophie“. Seit wann sind Frisur und andere Äußerlichkeiten jetzt auch bei Philosophen wichtig? Zwar befand schon Arthur Schopenhauer, der ihm verhasste Hegel habe eine „Bierwirtsphysiognomie“. Aber Hegel und den Hegelianern war das noch egal. Heute, im hypermedialen Zeitalter, lässt die Frankfurter Allgemeine ihre Leser im Internet über die aktuell „schönsten Philosophen“ abstimmen. Ist Stil inzwischen wirklich wichtiger als Substanz, entscheiden Schein und Aussehen über Akzeptanz und Erfolg?


Nicht ganz. Zum „Gesamtbild“ und zum Beeindrucken gehören nach wie vor bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen. Auch die muss man richtig einschätzen und dann „rüberbringen“, wie es auf Neudeutsch so treffend heißt. Das ist meist schwieriger als das äußere Selbststyling. Die Nobelpreisträgerin für Literatur Herta Müller ließ die Berliner Zeitung kürzlich wissen: „Ich bin ja ein lustiger Mensch!“ Ist das nun eine „verschobene Selbstwahrnehmung des humorlosesten Wesens westlich der Karpaten“, wie die tageszeitung schrieb? Oder gibt es tatsächlich eine bisher gut verborgene Facette an Herta Müller, die sie uns irgendwann zeigen wird? Wird es ihr gelingen, die Lücke zwischen Selbstbild und Fremdbild zu schließen? 


Wir alle betreiben heute Eindrucksmanagement und versuchen, unsere Wirkung auf andere nach Kräften zu beeinflussen. Aber das gelingt nicht immer. Denn unsere Selbstwahrnehmung hat unvermeidlich blinde Flecken (Seite 20). Selbsterkenntnis, also der Versuch, sich ein halbwegs stimmiges Bild von sich selbst zu machen, ist schwierig genug. Und dann sind wir noch mit den vielen Fremdbildern von uns konfrontiert: Wie sehen uns die anderen? Passt das zu dem, was wir glauben über uns selbst herausgefunden zu haben?  Es wird heute immer wichtiger, wie wir rüberkommen und unsere Ideen rüberbringen. Ob unser Selbstbild stimmt, interessiert uns beispielsweise immer dann besonders, wenn es um den Status in einer Gruppe geht: Wo stehe ich – und liege ich mit meiner Selbsteinschätzung richtig? Wer sich überschätzt, handelt sich schnell Kritik und Ablehnung ein, wer sich unterschätzt, bleibt unter seinen Möglichkeiten. Das Eindrucksmanagement ernährt ganze Berufsstände von Stylisten, Trainern und Imageberatern. Das Ich zur Marke machen, Self-Branding heißt, ein Selbstbild zu projizieren, von dem man hofft, dass es gut ankommt und uns im besten Licht präsentiert. Um in der Marketingsprache zu bleiben: Wir agieren ständig für bestimmte Zielgruppen. Wen wollen wir beeindrucken? Einen Liebespartner? Die Nachbarn? Die Kollegen? Den Chef? Das TV-Publikum? Eine oder mehrere Subkulturen? Oder die vielen, vielen Facebook-Freunde: Wie sehr werden wir wofür geliked?


„Erkenne dich selbst!“, stand über dem Orakel von Delphi. Bis heute bleibt dies eine Herausforderung für unsere intrapersonale Intelligenz. Selbsterkenntnis ist jedoch kein Selbstzweck. Sie ist untrennbar verbunden mit der interpersonalen Intelligenz, der Fähigkeit, die eigene Wirkung annähernd richtig einzuschätzen. Derzeit hacken sich die Hirnforscher ins neurologische System der Selbsterkenntnis ein, und sie haben ein ungefähres Zentrum des Selbstwissens entdeckt: Der mittlere präfrontale Kortex wird immer dann aktiv, wenn es um unsere Stellung in der Welt, um Ruf, Ansehen und Reputation geht. Selbstinszenierung ist nicht nur eine Frage von Eitelkeit und Streben nach Beliebtheit. Dass es solch ein neuronales Zentrum gibt, bestätigt, wie wichtig die Übereinstimmung von Selbstbild und Fremdbild fürs Überleben ist. 

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