Memories to go: Du bist, was du erinnerst

07 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

Was ist Ihre erste Kindheitserinnerung? Was war der schönste Moment in Ihrem Leben? Und was war das Peinlichste, das Ihnen jemals passiert ist? Wenn wir im Gedächtnis nach solchen Ereignissen kramen, sprechen Psychologen vom autobiografischen Erinnern. Diese geistige Aktivität ist, etwas hochtrabend ausgedrückt, die Erkenntnistheorie der ersten Person Singular: Was wir über uns selbst wissen, stammt fast ausschließlich aus den Episoden, an die wir uns mit Vorrang erinnern. Wir sind das, woran wir zurückdenken wollen – oder auch müssen.

Der englische Philosoph und Aufklärer John Locke (1632 bis 1704) war einer der Ersten, die den engen Zusammenhang von Erinnerung und Identität erkannten. Das Bewusstsein eines Menschen von sich selbst, seine innere Kontinuität zwischen Gestern und Heute, entsteht aus dem Teil seiner Vergangenheit, den er erinnern kann. Locke ging von einem blank slate-Bewusstsein aus: Es gleiche einer unbeschriebenen Tafel, in die das Leben nach und nach seine Schriftzeichen eingraviere. Inzwischen wissen wir: Erinnerungen sind nicht einfach Spuren der Vergangenheit, keine eingeritzten Notizen auf der Wachstafel unseres Bewusstseins. Vor allem autobiografische Episoden sind fast immer an ganz bestimmte, oft sehr intensive Stimmungen und Gefühle gekoppelt. Sie können diese auch in der Gegenwart – sozusagen in alter Frische – wieder aufleben lassen. Und unsere Erinnerungen, glorreiche ebenso wie bedrückende, bleiben keine isolierten Anekdoten. Sie fließen zusammen, bilden einen Erzählstrom und strukturieren so die Geschichte unseres Lebens. Sie ist das Fundament unseres Selbst.

Im Zuge der sogenannten kognitiven Wende hat sich die Psychologie seit den 1970er Jahren dem autobiografischen Gedächtnis und seiner Bedeutung für das Selbst zugewandt. Wie sich Ereignis und Erinnerung zueinander verhalten, ist dabei nur eine Frage der Forschung. Wie authentisch kann Erinnerung sein? Wie wahr ist die Geschichte, die wir uns selbst und anderen als „mein Leben“ erzählen? Tatsache ist: Wir alle möchten eine Geschichte haben, mit der sich leben lässt. Wir glätten und redigieren manches, geben den Erinnerungen einen erzählerischen Dreh, manchmal bis hin zur Lebenslüge. Aber allein die Tatsache, dass wir unsere Erinnerungen in Worte fassen, „verfälscht“ sie eigentlich schon. Jede Wortwahl, jede Variation beim Erzählen verändert die Geschichte. Die Schriftstellerin Christa Wolf, die sich selbst immer wieder intensiv den Fragen nach autobiografischer Wahrheit stellte, fordert von ihrer Zunft: „Autobiografisches Schreiben muss … Selbsterforschung sein, was heißt, in die Tiefen der eigenen Erinnerung abzutauchen, Schmerz und Scham zu erfahren und die Funde, die man in die Bewusstseinshelle heraufbringt, in ihrer Authentizität immer wieder infrage zu stellen.“

Das gilt sicher auch für Nichtschriftsteller, die sich bloß zum Zweck der Selbstreflexion erinnern. Ein gewisses Misstrauen gegen das eigene Gedächtnis ist gerechtfertigt. Es kann die Fakten nur sehr eingeschränkt rekapitulieren. Jeder weiß aus Erfahrung, wie sehr die Erinnerungen selbst einander nahestehender Menschen an dasselbe Ereignis divergieren. Aber das autobiografische Erinnern muss gar nicht die „wirklich wahre Geschichte“ sein. Es ist zunächst und vor allem eine sehr persönliche, intime Sache. Und dabei geht es letztlich um eine Form des Gefühlsmanagements mithilfe von Reminiszenzen.

Erinnerungen können uns Ballast oder Anker, Rechtfertigung oder Selbsttherapie, Trost oder Ermunterung sein – und zuweilen alles zugleich. Erinnerungen sind wie Beton oder Geld: Es kommt darauf an, was man draus macht. Ein lebenspraktischer Aspekt ist erst vor kurzem aufgetaucht. Wir sind unseren Erinnerungen nicht einfach ausgeliefert. Forscher sprechen von Go-to-memories: Aktives, gezieltes Reflektieren und Erinnern erschließt uns unsere Vergangenheit als eine wertvolle Ressource. In fast jeder Lebenslage steht uns reiches Material zur Verfügung, das wir nutzen können – zur Selbsterkenntnis, aber auch zur Gestaltung der Gegenwart und der Planung der Zukunft.

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