Liebe Leserin, lieber Leser

02 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

Psychotherapeuten können ein Lied davon singen: von Männern und Frauen, die darüber verzweifeln, dass das Objekt ihrer Begierde sich wie eine Auster verschließt, sobald sie ihm nahekommen. Anfängliches Interesse weicht dann der Abwehr, der Wunsch nach mehr wird auf später vertröstet, oder der andere wird durch Schweigen oder gar Untreue auf Abstand gehalten. Das Stück „Komm mir nicht zu nahe!“ wird auf vielen Beziehungsbühnen aufgeführt, mal mit einer männlichen Hauptrolle, mal mit einer weiblichen. Manche Akteure gehen erst gar keine Partnerschaft ein, sie bleiben allein, obwohl sie sich nach einer Beziehung sehnen.

Die Angst vor Nähe ist keine Randerscheinung. In den USA hat Bindungsangst „das Ausmaß einer moralischen Panik angenommen und ist zum Thema einer schier endlosen Folge von Fernsehserien, Filmen und Selbsthilferatgebern geworden“, schreibt die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch Warum Liebe weh tut. Das ist hierzulande nicht anders. Zwar existieren keine Zahlen, wie viele Menschen betroffen sind, aber indirekt geben Statistiken Auskunft: Ehen werden immer später geschlossen, die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt, und zunehmend gestalten Paare ihre Beziehung nach dem LAT-Modell (living apart together). Jeder zehnte Deutsche gibt an, mit dem festen Partner nicht in einer gemeinsamen Wohnung zu leben. Das Bedürfnis, jederzeit die Kontrolle über das Maß an Nähe und Distanz in einer Partnerschaft behalten zu können, ist offensichtlich groß. 

Auf der Suche nach den Ursachen der Bindungsangst begegnet man vielen plausiblen Erklärungen. Eine lautet: Wir seien zu „Maximierern“ geworden, die nach dem Perfekten Ausschau halten und sich deshalb nicht für einen Partner, der möglicherweise nur „gut genug“ ist, entscheiden wollen. Eine andere Theorie verweist auf die Evolution: Macht und Status des männlichen Geschlechts hingen eben immer noch von der „lustorientierten Anhäufung von Bindungen“ (Eva Illouz) ab, während sich Frauen – weil sie Kinder wollen – früher festlegen müssten. 

Was mich an diesen Erklärungen stört: Ihnen fehlt das Verständnis für die schwierige Situation, in der sich Liebende heute befinden. Wie sollen sie in einer bindungsfeindlichen Gesellschaft eine tragfähige Partnerschaft zustande bringen? Wie sollen sie ihre eigenen Bindungsschädigungen allein in den Griff bekommen? Es reichen Stichworte, um die Situation zu skizzieren: Prekäre Arbeitsverhältnisse machen die Zukunft für junge Menschen kaum planbar; die Scheidung der Eltern hat das Vertrauen in Beziehungen erschüttert; alleinerziehende Mütter und Väter sind bei der Frage „Wie geht Partnerschaft?“ häufig die Antwort schuldig geblieben; frühe unsichere Bindungserfahrungen mit unzuverlässigen, wenig einfühlsamen Eltern mahnen zur Vorsicht … 

Bindungsangst ist nicht pathologisch. Wer Angst vor Kontrollverlust in nahen Beziehungen entwickelt, hat entsprechende Erfahrungen gemacht. Mut, sich einzulassen, wird nur derjenige aufbringen können, der erkennt, wovor er wirklich Angst hat – und es dann wagt, diese Angst dem anderen anzuvertrauen. 

Ihre Ursula Nuber

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