Liebe Leserin, lieber Leser

03 / 2016 von:  Ursula Nuber
 

Glockensüße Klänge vernahm die Stern-Journalistin Ulrike Posche auf dem SPD-Parteitag 2015. Da dankte eine Politikerin („Danke, Manuela“) der anderen („Danke auch an Andrea“) – ein Gesäusel, das Posche als „schleichende Eierstockisierung“ bezeichnete. Fast wehmütig erinnerte sie sich an die ehemaligen Alphamännchen der Partei – Gerhard, Rudolf und Oskar –, die im Eifer des Wortgefechtes ihre Hemden durchschwitzten.  

Um ein Hemd geht es auch in einem anderen ­Artikel. „Wann hat es je einen Finanzminister gegeben, der sich das Hemd aus der Hose zog, bevor er unter Leute ging?“, schrieb Alexander Neubacher im Spiegel begeistert über Yanis Varoufakis. Der Politiker trat im Juli 2015 nach wenigen Monaten zurück. Doch in seiner kurzen Amtszeit versorgte er die Presse mit Themen, „die weit über den Wirtschaftsteil hinausstrahlten und für heftige Diskussionen sorgten“. Dafür wurde Varoufakis von den Wirtschaftsreportern „geliebt“, so Neubacher. Und er fügt hinzu: „Ich vermisse ihn.“

Zwei Artikel, denen eines ­gemeinsam ist: die Sehnsucht nach echten Typen, die ihre Ecken und Kanten nicht bis zur Stromlinienförmigkeit abgeschliffen haben, sondern eigenwillig und eigensinnig ihre Prinzipien vertreten. Denn Eigensinn ist heutzutage eine rare Tugend – nicht nur in der Politik. Die meisten Menschen tun sich schwer damit. Zum einen, weil diese Eigenschaft ein denkbar schlechtes Image hat und es daher niemand als Lob empfindet, wenn er oder sie als „eigensinnig“ bezeichnet wird. Zum anderen, weil der Eigensinn immer mehr „unterwandert“ wird. Zwar glauben wir, nach unserem eigenen Kopf zu handeln, doch häufig reagieren wir auf Außensteuerungen. Denn unser Wirtschafts­system braucht Konsumenten, deren Bedürfnisse  – zum Beispiel durch die Algorithmen von Amazon, Google & Co – steuerbar sind und die möglichst nicht nach ihrem eigenen Kopf handeln. 

Es ist schon seltsam. Forscher beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit der Frage, was unsere Resilienz stärken kann – jene seelische Widerstandskraft, die uns in schwierigen Situationen vor dem Zusammenbruch bewahrt. Den Eigensinn haben sie bislang übersehen. Dabei ist doch gerade er die ­beste Waffe gegen Gefügigkeit, Grübelsucht und ­Resignation – jene Faktoren, die erwiesenermaßen die ­Ressource Resilienz schwächen. 

In einer Zeit, in der das Selberdenken oft schwergemacht wird, kann eigensinniges Denken und Handeln vor unerwünschten „Folgsamkeitsreflexen“ schützen (Seite 18) und dabei unterstützen, die richtigen Fragen zu stellen:  Was ist mir im Leben wichtig? Wer oder was beeinflusst mich? Welche Art von Person will ich ganz bestimmt nicht sein? ­Was brauche ich, um ganz ich selbst sein zu können? 

„Alles ist Urteil, und das Urteil steht in deiner Gewalt“, zitiert der Philosoph Andreas Urs Sommer den römischen Kaiser Mark Aurel. Durch diese „entscheidende Einsicht“, so Sommer, wird der Weg, den man einschlägt, zum selbst gewählten. Nicht immer, aber immer öfter geht man diesen dann als Mensch mit einem eigenen Kopf, als Typ mit Ecken und Kanten. Natürlich muss man dafür hin und wieder auch Hemden durchschwitzen.

Ihre Ursula Nuber

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