Wie simpel kann es werden?

01 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

Runterschalten! Einfacher leben! Weniger ist mehr! Das Gefühl, von Überflüssigem und Unwichtigem überwältigt zu werden, weckte zu allen Zeiten die Sehnsucht nach einem weniger komplizierten Leben. Einfachheit wird dann meist in einer vermeintlich besseren, weil schlichteren und gemächlicheren Lebensform gesucht. Vor allem Menschen, denen es eigentlich gutgeht, zumindest materiell, erscheint das als Alternative zu den herrschenden Zuständen, die sie als zu stressig und dekadent empfinden. Schon im alten Rom war simplicitas eine hohe, wenn auch nur selten gelebte Tugend – bescheiden leben, schnörkellos sprechen, geradlinig handeln. 

Der erste moderne Prophet des einfachen Lebens war der Amerikaner Henry David Thoreau. Er suchte „in den Wäldern“, an einem stillen Teich, die Abkehr vom lauten Getriebe der Stadt. Diesen (befristeten) Ausstieg konnte er sich leisten, weil er die finanzielle Unterstützung von Freunden genoss. Aber nicht nur dieser „Ausstieg“ hatte einen Beigeschmack von Scheinheiligkeit: Schon die europäischen Barockfürsten, die in ihren nachgemachten Bauernhäuschen und Schäferhütten ihrer Landlust frönten, idealisierten die Einfachheit – als Kontrastprogramm zum überritualisierten und luxuriösen Leben in versailloiden Schlössern.

Die heutigen Downshifter sind die zaghaften Nachfahren der Hippies und Aussteiger der 1960er und 1970er Jahre. Diese hatten ihre freiwillige Einfachheit als ein bewusst gewähltes Lebensmodell gesehen – und sind meist doch wieder in komplizierten Verhältnissen gelandet. Die Simplify your life-Bewegung, in den 1980er Jahren in den USA entstanden, richtet sich zunächst gegen die tatsächlich zunehmende Vermüllung und Verkomplizierung des modernen Lebens. Aber wie in allen Einfachheitsbewegungen schwingt auch bei der aktuellen Simplify-Welle eine kulturkritische oder gar spirituelle Note mit: Nicht nur der Keller, der Schreibtisch oder der Terminkalender sollen entrümpelt werden. Das Leben als Ganzes muss „aufgeräumt“ werden – um Platz zu schaffen für das Wesentliche. 

Die Ratschläge zur vereinfachten Lebensführung sind – irgendwie folgerichtig – meist von ergreifender Schlichtheit. Aber das Einfache ist das ungeahnt Schwere, wie die Simplify-Adepten bald erfahren. Wohl deshalb gibt es ein so andauerndes und verbreitetes Bedürfnis, in die Geheimnisse des Weniger ist mehr! eingeweiht zu werden: Wie miste ich den Kleiderschrank nachhaltig aus, wie verbanne ich Zeitdiebe für immer aus dem Terminkalender, wie ordne ich meine Beziehungen, meine Steuerbelege, meine Gedanken?

Entrümpeln, entschleunigen, entschlacken – wer wollte das nicht! Die heutige Vereinfachungssehnsucht ist vom Trendforscher Matthias Horx in den Rang eines gesellschaftlichen Megatrends erhoben worden. Und sie hat im hochkomplexen und vielleicht deshalb besonders zivilisationskritischen Deutschland viele Jünger gefunden. Denn die Komplexität des Lebens nimmt weiter zu. Zusammen mit ihrer Schwester Beschleunigung ist sie das Merkmal der Moderne schlechthin. Können wir beiden überhaupt entkommen? Wir müssen uns immer wieder fragen: Wie „unterkomplex“ können oder dürfen wir werden, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, den Anschluss nicht zu verpassen, keine Chancen zu verspielen?

Und vor allem: Wenn Einfachheit Platz und Zeit schaffen soll fürs Wesentliche – was ist das Wesentliche? Wenn Vereinfachung nicht nur Stressvermeidung sein soll (was an sich schon gesund wäre), und wenn sie nachhaltig sein soll (was ganz schön schwierig ist), dann muss sie auf eine neue Sinngebung für das Leben zielen. Und Sinn, das zeigen Erfahrung und psychologische Forschung immer wieder aufs Neue, ist am ehesten im Über-Persönlichen zu finden, in einem sozialen oder kulturellen Projekt, das über uns hinauszielt (Seite 20). Wenn wir wissen, wofür wir unser Leben vereinfachen, gelingt uns das leichter, als wenn wir nur etwas ruhiger und stressfreier leben wollen.  

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