Aktenzeichen XX-XY – gelöst?

06 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Ein besonderes Unterhaltungsgenre wuchert seit Jahren, man könnte es Geschlechterprosa nennen: Schmunzelbücher und Schenkelklopfercomedy über „typisch“ weibliche und männliche Marotten beim Shoppen, Einparken oder Heimwerken. Warum ist dieser Steinzeithumor so erfolgreich? Wahrscheinlich, weil es Spaß macht, in einer zunehmend egalitären Gesellschaft über Stereotypen abzulachen. Denn darin stecken ja – zwinker, zwinker – tiefe Wahrheiten, die man im genderpolitisch korrekten Alltag nicht mehr aussprechen darf.

Natürlich gibt es biologische, genetische, körperliche Unterschiede. Und natürlich haben wir unterschiedliche Chromosomensätze. Aber was bedeuten XX und XY, wenn es um das Denken, Fühlen und Verhalten geht, um die Domäne der Psychologie? Zahlreiche Forschungsergebnisse zeigen: Viele der Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Psyche sind nur behauptet. Sie entbehren einer wissenschaftlichen Bestätigung. Weder sind Frauen grundsätzlich bessere und sensiblere „Versteherinnen“, noch sind Männer logischere Denker oder bessere Einparker. Der Sozialpsychologe Roy Baumeister hat darauf hingewiesen, dass viele Unterschiede eher im Wollen begründet sind als im Können. Frauen können vieles von dem, was ihnen oft abgesprochen wird. Aber sie wollen (meistens) nicht – zum Beispiel dominieren, imponieren, kämpfen.

Weil Wissenschaft nicht in einem politischen Vakuum stattfindet, erwies sich gerade die Psychologie als besonders schwankend, wenn es um Geschlechterunterschiede ging: Lange Zeit war die männliche Psyche (wie in der Medizin der männliche Körper) das Maß aller Dinge. Frauen galten als mehr oder weniger defizitäre, eher labile oder hyperemotionale Wesen. In den 1960er und 1970er Jahren „entdeckten“ Psychologen ein allmähliches Schwinden der tradierten Rollenstereotype, was sie psychologische Androgynität (androgyn = zwittrig) nannten. Männer zeigten mehr weibliche Eigenschaften, Frauen mehr männliche als jemals zuvor. Unter dem Einfluss der Emanzipationsbewegung galt nun: Die Erziehung vor allem mache uns zu „typischen“ Mädchen oder Jungen.

Danach kippte der wissenschaftliche Konsens wieder: Ab etwa den 1980er Jahren galt der Mann zunehmend als Montagsprodukt der Schöpfung – aggressiv und triebgesteuert, sozial und emotional unterbelichtet. Frauen wurden nun als das bessere Menschenmodell gefeatured. Das führte zu solchen Widersprüchen, dass einerseits über eine Frauenquote für Führungsposten diskutiert werden muss, dass andererseits „weibliche“ Eigenschaften als Schlüssel zum (wirtschaftlichen) Erfolg beschworen werden: Der frauentypischen Überlegenheit in den ach so wichtigen soft skills gehöre die Zukunft.

Ist die Geschlechterfrage also nichts als eine Kippfigur – die je nach Blickwinkel hin- und herspringt? Das Fazit aus den jüngeren Forschungsergebnissen (Seite 20) kann nur lauten: Es muss, was die Machtverhältnisse, Ungleichheiten, Arbeitsteilungen zwischen den Geschlechtern betrifft, nichts so sein und bleiben, wie es ist. Niemand sollte sich mehr auf naturgegebene Unterschiede berufen, wenn es etwa um naturwissenschaftlichen Unterricht für Mädchen oder um „typische“ Aggressivität von Jungen geht. Das ist unbequem für beide Seiten: Wer beispielsweise „weiblichere“ Verhaltensweisen als besonders zukunftsträchtig in Wirtschaft und Arbeitsleben ausruft, kann viele Stellen trotzdem auch mit Männern besetzen, sie haben diese Eigenschaften durchaus drauf. Und umgekehrt sind Logik, Durchsetzungsfähigkeit, Ehrgeiz und andere vermeintlich männliche Züge auch in reichem Maße bei Frauen vorhanden. Die Rollenbesetzungen in unserem Alltag könnten im Grunde offener vonstatten gehen. Wir sind, psychologisch betrachtet, offenbar tatsächlich androgyn.

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