Alles gleichzeitig, nichts richtig

02 / 2013
 

Autofahren und mit dem Handy telefonieren? Eine Mail schreiben, während der Fernseher läuft? Multitasking ist für amerikanische Studenten kein Problem. Zumindest, wenn man sie selbst nach ihren Fähigkeiten fragt. Sieben von zehn Studenten glauben, sie seien besser als der Durchschnitt. Das ist statistisch unmöglich.

Und, wie Psychologen um David Sanbonmatsu und David Strayer von der University of Utah herausgefunden haben: Selbsteinschätzung und tatsächliche Leistungsfähigkeit liegen nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich weit auseinander. Versuchspersonen, die angaben, besonders häufig mehrere Dinge zugleich zu tun, schnitten in Tests besonders schlecht ab. Wie kommt es zu dieser verzerrten Einschätzung? Möglicherweise ist eine Fehlinterpretation des eigenen Verhaltens dafür verantwortlich. Wer sich selbst wiederholt beim Multitasking beobachtet, schlussfolgert, dass er gut darin sei.

Für ihre im Fachmagazin Plos one veröffentlichte Arbeit untersuchten Sanbonmatsu und Strayer 310 amerikanische Psychologiestudenten. Die Teilnehmer mussten zuerst ihre Multitasking-Fähigkeiten unter Beweis stellen. Sie wurden gebeten, zwei Aufgaben zu erledigen, die inhaltlich wenig miteinander zu tun hatten. Die Versuchspersonen sollten sich Buchstaben merken, die abwechselnd mit Matheaufgaben präsentiert wurden, zum Beispiel: Ist 2+4 =6?, g, ist 3–2=2?, a, ist 4x3= 12? Aufgaben wie diese erfordern, verschiedene Informationen gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis bereitzuhalten. Je größer die Kapazität dort ist, umso besser sollten die Teilnehmer zu Multitasking in der Lage sein. Die Forscher gehen davon aus, dass Tests wie diese vorhersagen, ob jemand im Alltag gut einem Telefongespräch folgen kann und trotzdem den Straßenverkehr im Blick behält.

Sanbonmatsu und Strayer fragten die Studenten später, wie sie ihre eigenen Multitasking-Fähigkeiten einschätzten. Für die Wissenschaftler war zudem von Interesse, wie häufig die Versuchspersonen beim Autofahren das Handy am Ohr hatten. Nicht zuletzt ermittelten die Forscher Persönlichkeitsmerkmale wie Impulsivität und Sensation Seeking. Letzteres meint die ständige Suche nach Abwechslung und neuen Erlebnissen.

Die Auswertung der Daten zeigte: Wer im Multitasking-Test jämmerlich abschnitt, gab zugleich an, besonders häufig mehrere Dinge zugleich zu erledigen. Ausgerechnet die eifrigsten Multitasker waren ausnehmend schlecht darin. Offenbar fiel es ihnen schwer, Ablenkungen auszublenden und sich auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren. Dazu passt, dass insbesondere impulsive und abwechslungshungrige Versuchspersonen schlechte Ergebnisse beim Multitasking erzielten. Ähnlich sah es beim Autofahren aus: Wer besonders häufig mit dem Hörer am Ohr unterwegs war, hatte tendenziell ebenfalls Probleme, mehrere Informationen zugleich im Arbeitsgedächtnis zu behalten. Bisher sind die Gesetze zur Nutzung von Mobiltelefonen in den USA längst nicht so streng wie in Deutschland.

Johannes Künzel

Quelle: David M. Sanbonmatsu, David L. Strayer u. a.: Who multi-tasks and why? Multi-tasking ability, perceived multi-tasking ability, impulsivity, and sensation seeking. Plos one 8/1: e54402, doi:10.1371/journal.pone.0054402. Der Volltext ist online unter www.plosone.org zugänglich.

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