Alles richtig gemacht? - Hmmm.

03 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Die beiden Besitzer einer Imbissbude beschlossen, ihren schlechtgehenden Laden abzufackeln und mit der Versicherungssumme etwas Neues anzufangen. Weil sie einen „Migrationshintergrund“ hatten, würde der Verdacht sicher auf fremdenfeindliche Elemente fallen. Also verteilten sie den Inhalt mehrerer Kanister Benzin in ihrem Laden, dann gönnten sie sich erst mal eine Zigarettenpause … Manche Fehler macht man nur einmal. Der makabre Juxpreis Darwin Awards „ehrt“ posthum solche Menschen, die sich durch haarsträubende Dummheiten selbst aus dem Genpool eliminiert haben.

Wenn es um gute und schlechte Entscheidungen geht, haben die meisten Menschen eine gemischte Bilanz vorzuweisen. Neben Erfolgen gibt es fast immer auch schmerzliche Fehlgriffe, wirklich fatale (s. o.) sind zum Glück selten darunter. Die Mischung entscheidet darüber, ob wir uns selbst als leidlich erfolgreich oder als „gescheiterte Existenz“ betrachten. Manchmal wiegt eine gute Idee, eine richtige Entscheidung hundert Irrtümer auf. Oder viele Irrtümer waren notwendige Etappen auf dem Weg zum Erfolg. Thomas Alva Edison meinte, nachdem er endlich die Glühbirne erfunden hatte: „Ich bin nicht gescheitert, ich habe nur Tausende von Möglichkeiten probiert, die nicht funktioniert haben.“

Für das Scheitern eines Projektes, für gröbere Fehler gibt es seit einigen Jahren ein neues Wort: Flop. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hält es „schon wegen seiner lautmalerischen Qualität“ für ein erfreuliches Fremdwort. Im Duden wird das Verb floppen mit „hinplumpsen“ übersetzt. Enzensberger breitet in seinem neuen Buch Meine Lieblings-Flops eben diese aus: nie verfilmte Drehbücher, abgelehnte Theaterstücke, Zeitschriften, die die Welt nicht brauchte (TransAtlantik). Angesichts des Enzensbergerschen Œuvres erscheint die Parade seiner gescheiterten Projekte kokett: Es lässt sich leicht über Flops lächeln, wenn man aufs Ganze gesehen doch ziemlich erfolgreich war und zu den wichtigsten Autoren in Deutschland zählt. Aber das Flop-Buch enthält eine Weisheit, die gar nicht oft genug wiederholt werden kann: „Jeder Peinlichkeit wohnt eine Erleuchtung inne. Triumphe halten keine Lehren bereit, Misserfolge dagegen befördern die Erkenntnis auf mannigfaltige Art.“

Aus Fehlern lernt man. Klingt logisch und ist leicht gesagt. Worin aber diese Erkenntnis besteht und was Fehler für das eigene Leben bedeuten, hängt von der persönlichen „Fehlerfreundlichkeit“ ab: Für wie normal hält jemand das Scheitern? Wie erklärt er es sich? Und wem gibt er die Schuld daran? Der Soziologe Martin Doehlemann hat in seiner Studie Absteiger. Die Kunst des Verlierens Menschen beschrieben, die er als „gewinnende Verlierer“ bezeichnet: Sie haben ihr Scheitern, verbunden mit einem sozialen Abstieg („vom Millionär zum Tellerwäscher“), erstaunlich gut verkraftet. Vor allem deshalb, weil sie die üblichen Insignien des Erfolges – Status, Geld, Macht und so weiter – gegen „innere Bereicherungen“ eingetauscht haben. Und zwar erfolgreich. Für sie gab es doch ein richtiges Leben im falschen.

Obwohl wir wissen, dass Irren menschlich ist, werden Fehler immer noch mehr geächtet denn als Lernchance genutzt. In der Arbeitswelt reden Manager oder Berater gerne und viel von Fehlerfreundlichkeit, aber in der Praxis wird das weltfremde Ideal der Fehlerfreiheit angestrebt: Best Practice, Top-Performance, Benchmarking. Das Ziel ist Fehlervermeidung um jeden Preis. Der permanente Druck, immer mehr aus sich herauszuholen, macht Fehler noch wahrscheinlicher. Im Gegenzug werden dafür besondere Fertigkeiten entwickelt – im Abstreiten, Rechtfertigen, Spurenverwischen, Leugnen, Beschönigen, Schuldzuweisen. „Es wurden möglicherweise Fehler gemacht …“ Achten Sie einmal darauf, wie häufig diese Passivkonstruktion verwendet wird, wenn Fehler nicht länger vertuscht oder abgestritten werden können.

Vielleicht müssen wir wirklich erst die seit Schulzeiten eingebimste Idee abschütteln, dass Fehler an sich „schlimm“ sind. Geduldige Fehleranalyse erweist sich im modernen Unterricht längst als die beste Didaktik. Irren und Scheitern ist der Fast-Normalfall, und nicht alles, was wir wollen oder tun, kann gelingen. Es lohnt sich, Fehler sehr sorgfältig zu studieren. Dann werden wir wirklich aus Schaden klug.

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