Auch ein Altruist braucht mal Hilfe

08 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

Altruismus ist nicht nur ein moralisch schöner Zug, sondern ein wesentlicher Überlebensvorteil der Spezies Mensch. Das haben Soziobiologen und Evolutionspsychologen in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher herausgearbeitet. Als gesichert gilt: Eine Art oder eine Gruppe hat umso höhere Überlebenschancen, je häufiger sich die Gruppenmitglieder hilfsbereit, fürsorglich und selbstlos verhalten. Hardcore-Darwinisten und Soziobiologen streiten sich zwar immer noch um die Frage, ob es so etwas wie echten Altruismus gibt. Es spricht jedoch vieles dafür, dass es in unserer Natur liegt, „einfach nur so“ und ganz ohne Hintergedanken nett, fair und hilfsbereit zu sein. Wir sind prinzipiell soziale Wesen. Wir möchten mit anderen gut auskommen und spüren den Impuls zu helfen, wenn wir gefordert sind.

Altruismus ist in uns ebenso angelegt wie sein Antagonist, der Egoismus. Unsere Wahrnehmung hat sich heute auf Letzteren konzentriert (und das heißt auch: auf den Egoisten in uns selbst). Denn der Egoismus scheint den Altruismus zu überwuchern. Egoisten sind buchstäblich aus der Art geschlagen und richten gewaltige Schäden an. Man kann sogar behaupten, dass sie das Überleben der Menschheit gefährden. Ungebremster Egoismus ist also unser Problem. Es gehört zu den Standards der Gesellschaftskritik, über die zunehmende soziale Kälte und die triumphierende Selbstsucht zu klagen: Jeder sei sich selbst der Nächste, wir hätten ja gar keine Energie oder Zeit mehr, uns groß um andere zu kümmern. In Schule, Studium und Arbeitsleben bestimme der Konkurrenzkampf das Handeln, nice guy finishes last – der Nette ist im Rattenrennen der Dumme.

Umso freudiger klammern wir uns an die guten Nachrichten: Ungeahnt viele Menschen engagieren sich in einem Ehrenamt, unzählige Angehörige reiben sich in der Pflege kranker oder behinderter Familienmitglieder auf, und immer wieder können wir uns an den bewegenden Beispielen wahrhaft selbstloser Menschen aufrichten. Was also ist problematisch am Altruismus – außer einem Mangel daran? Warum gibt es jetzt ein Forschungsprogramm, das sich mit „pathologischem Altruismus“ beschäftigt (Seite 20)? Das Problem ist: So wie manche Menschen hemmungslos egoistisch sind, sind andere chronisch und bedingungslos nett. Sie sind immer bereit, anderen zuzuhören, ihnen zu helfen oder für sie einzuspringen. Sie spielen die Klagemauer für Gestresste, Mühselige und Beladene, und sie ertragen es klaglos, für ihre Hilfsbereitschaft kaum jemals Dank zu erhalten. Sie kommen gar nicht auf die Idee, jemand würde sich für ihre eigenen Probleme interessieren. Aber nach einiger Zeit werden die seelischen und körperlichen Kosten der Allzeit-bereit-Nettigkeit spürbar. Die Altruisten brennen aus, fühlen sich leer und selbst-los in einem fatalen Sinne. Sie leiden unter der Nettigkeitskrankheit, der disease to please.

Psychologen zeichnen ein vielschichtiges Störungsbild: Wenn das Geben und Helfen zum dominierenden Motiv fürs Leben wird, dann verschwindet der Gebende allmählich, er wird zur Nichtperson. Überschießender Altruismus ist manchmal der Ausdruck für ein großes Bedürfnis nach Anerkennung und Akzeptanz. Oder er hilft, ein labiles Selbst zu festigen: Ich bin stark und gut, die anderen brauchen mich! Hinter einem Zuviel an Empathie und Altruismus stecken oft auch Schuldgefühle – etwa der Glaube, dass der eigene Erfolg zulasten anderer ging oder dass das eigene Glück „unverdient“ sei, weil es anderen derweil so schlecht geht. Helfen lindert diese Schuldgefühle.

Der Impuls, anderen zu helfen, ist das Wertvollste, was uns Menschen mitgegeben wurde. Doch auch für den Altruismus gilt: Das Maximum schadet auf lange Sicht, es geht darum, das Optimum zu finden. Ganz simpel: Der Helfer darf sich nicht selbst zerstören. Aufgabe der Psychologie ist, herauszufinden, wie die Balance zwischen selbstloser Einfühlung und notwendigem Eigeninteresse gefunden werden kann. Kümmern wir uns also um die guten Samariter – indem wir ihnen helfen, sich selbst nicht ganz zu vergessen.

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