Auf den Geist

03 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

Seit Stunden unregelmäßiges und deshalb umso schlimmeres Hämmern und Bohren eifriger Handwerker in der Nachbarwohnung. Gedränge in der U-Bahn, „Stoßzeit“ eben, nebst Körperausdünstungen der Mitpassagiere. Kinderquengeln. Chefallüren. Parkplatzsucherei. Dauerregen. Einkaufstüte geplatzt. Popcorngemampfe und Tütenrascheln im Kino. Und dann die neuste Plage auf dem weiten Gebiet der Zumutungen: die Epidemie des völlig schamlosen und meist abgrundtief banalen Handygelabers, das man an fast allen öffentlichen Orten mitanhören muss (warum uns das besonders nervt, erfahren Sie ab Seite 20). Wer sich niedrigschwellig ärgern will, hat im modernen Alltag reichlich Gelegenheit dazu. Das Verb „ärgern“ ist ohnehin vielseitig, schon rein grammatikalisch betrachtet. Es ist, erstens, transitiv und braucht ein Objekt: Handygequatsche ärgert die Mitreisenden. Es ist, zweitens, reflexiv: Ich ärgere mich, weil ich das Gequatsche nicht ausblenden kann. Und, drittens, wenn ich den Quatscher anraunze, er solle nicht so laut telefonieren, ist „ärgern“ auch reziprok – wir ärgern einander.
Die meisten Zumutungen des Alltags sind geringfügig. Sie reichen nicht aus, um richtigen Zorn zu entfachen oder aus der Haut zu fahren. Aber sie vermiesen uns oft subkutan die Stimmung – und färben so den Tag grau ein. Mehr noch: Es sind meist nicht die großen Katastrophen (die sogenannten „kritischen Lebensereignisse“), die uns verzweifeln lassen. In solchen Lagen mobilisieren wir erstaunlich oft ausreichend Widerstandskräfte. Wirklich gefährlich ist die Summe der kleinen Ärgernisse des Alltags. Sie addieren sich auf zu regelrechten Stresskaskaden: Wenn wir schon unter Zeitdruck stehen und dann der Schnürsenkel reißt, schießt der Blutdruck hoch, und wir gehen wegen des läppischen Missgeschicks in die Luft. 
Was tun, wenn die Gereiztheit zunimmt, zu chronischem Ärger wird? Ärgerabfuhr in Form von Aggressivität, Verbitterung, Rückzug oder Zynismus sind keine guten Optionen. Und die Schaffung von ärgerfreien Zonen ist nur eingeschränkt möglich.Eine neue Therapierichtung, die Acceptance and Commitment Therapy (ACT), hat sich auf die Bewältigung krankmachender Gefühle spezialisiert. Im Umgang mit Ärger empfiehlt sie (stark verkürzt): Akzeptieren Sie, was ohnehin nicht zu ändern ist. Aber statt Energie in den Ärger, in aggressive Reaktionen oder deren Unterdrückung zu investieren, beobachten Sie ihn besser aus einer inneren Distanz: „Ich bin nicht mein Ärger!“ So fällt es leichter, die unerwünschten Gedanken und Gefühle, die der Ärger fast automatisch auslöst, im Ansatz zu stoppen. Das Ziel ist, sich selbst zu beruhigen, vielleicht abzulenken, auf keinen Fall aber zu Reaktionen hinreißen zu lassen. Wem das buddhistisch-abgeklärt oder übermenschlich vorkommt: Ja, es ist ziemlich buddhistisch. Und nein, man muss kein Heiliger sein, diese Form der Ärgerkontrolle ist erlernbar. 
Andere Ärgerforscher nehmen die 1001 Anlässe zum Genervtsein noch globaler in den Blick. Sie erinnern uns daran, dass Ärger vitalisiert. Und alles, was uns nervt, ist zunächst eine Information: über unsere Lage, über unsere innere Befindlichkeit, über unser Leben schlechthin. Das Nervende zwingt uns, unser Leben auch in seinen Details zu überprüfen und unsere Reaktionsmuster etwas systematischer zu reflektieren: Worüber regen wir uns auf – und warum? Was lässt sich ändern? Und an welchen Ärgernissen sind wir selbst schuld?
Hans Selye, der 1936 den Begriff „Stress“ aus der Materialermüdungsphysik in die Medizin übernahm, sah in der Stressreaktion „die Würze des Lebens“. Natürlich kann zu viel Würze den Genuss verderben. Aber vermutlich leiden auch heute noch mehr Menschen an Boreout als an Burnout. Langeweile, Ereignislosigkeit und Unterforderung machen ebenso unglücklich und krank wie Ärger. Um Roberto Blanco zu variieren: Ein bisschen Stress muss sein. 

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