Bitte sofort lesen!

02 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

Ob wir eine Mail tippen, einen Zeitungsartikel lesen oder den neusten Tatort ansehen: Es bedeutet, für eine Weile den Rest der Welt völlig auszublenden. Die Aufmerksamkeit auf ein und nur ein Objekt zu fokussieren – das nennen wir Konzentration. Sie ist die geistige Schlüsselfähigkeit schlechthin. Aber wie gut und wie lange bleiben wir im Alltag konzentriert? Nach zehn oder zwanzig Zeilen Zeitungslektüre wandern die Augen schon mal zum letzten Absatz: Was kommt da noch? Lohnt sich die Mühe? Während wir die Mail schreiben, trifft gerade eine neue ein („pling!“), die wir unbedingt gleich lesen müssen. Und wenn sich der TV-Krimi mal wieder im unübersichtlichen Privatleben der Kommissare verheddert, blättern wir in der Programmzeitschrift: Wäre der Film auf Arte nicht doch spannender gewesen? Seien wir ehrlich: Wir sind immer seltener ganz bei einer Sache. 

Denn unsere Aufmerksamkeit wird heftig umworben. Allein die neuen Medien haben die Kontakt- und Informationsmöglichkeiten vertausendfacht. Weil wir von Natur aus neugierige Augentiere sind, wollen wir möglichst viel von alledem aufnehmen und mitbekommen. Gleichzeitig sind wir aber auch immer schneller gelangweilt. Konzentrationsschwäche ist die heimliche Epidemie unserer Zeit geworden. Ihr Hauptsymptom ist die schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne. 

Die Merkmale unserer Zeit sind Flüchtigkeit, Komplexität, Beschleunigung und Informationsüberfluss. Täglich müssen wir immer wieder neu entscheiden: Was lasse ich überhaupt an mich heran? Was blocke ich völlig ab? Das überfordert uns, denn bisher haben wir nur mangelhafte Techniken oder Filter entwickelt, um all dem gewachsen zu sein. Die gute alte Selbstkontrolle erweist sich als eine mentale Reserve, die schnell erschöpft ist. Konzentration ist eine Fähigkeit des Gehirns, die heute wie ein Ausdauermuskel trainiert werden muss, wenn wir dem Ansturm standhalten wollen. 

Wann ging uns die Konzentration verloren? Schon in den 1920er Jahren sprach Walter Benjamin davon, dass sich eine „Rezeption in der Zerstreuung“ entwickelt habe. Und der Kunsthistoriker Jonathan Crary sieht seit der vorletzten Jahrhundertwende eine „Krise des Aufmerksamkeitsverlustes“ heraufziehen. Paradoxerweise hat die Moderne beides zugleich hervorgebracht: einerseits systematische Zerstreuung – andererseits das Ideal konzentrierten Denkens und Arbeitens. Die Disziplinierung der Aufmerksamkeit, das Stillsitzen und lange Bei-der-Sache-Bleiben sind immer noch systemrelevant. Konzentration bleibt eine unverzichtbare Fähigkeit für Bildung, Arbeit, Wissenschaft und Politik, aber auch für Kultur und Kunstgenuss. Unsere Probleme werden nur zu bewältigen sein, wenn ausreichend viele Menschen den nötigen Fokus aufbringen, um nach Lösungen zu suchen. 

Aber die Unterhaltungsindustrie – und dazu gehören heute Journalismus, Politzirkus, Sport und Kulturbetrieb – hat sich dramatisch überentwickelt. Sie ist im Wesentlichen eine Aufmerksamkeitsökonomie, in der Flüchtigkeit nicht nur als Tatsache akzeptiert, sondern gewollt ist. Dieser Wirtschaftszweig misst seinen Erfolg in Quoten, Clicks, Votings, Abonnements, Verweildauer und Customer Flows: Wann schalten wir als Kunden, Verbraucher, Wähler ein? Wann schalten wir um, wann schalten wir ab? Und welche Reize muss ich setzen, damit mir jemand vorübergehend seine kostbare Zeit, seine Aufmerksamkeit schenkt? 

Auch die Politik selbst unterliegt der fortschreitenden Aufmerksamkeitsstörung. Das Management immer komplexerer Systeme überfordert die Akteure ganz offensichtlich. So werden wir Abgelenkten und Überstimulierten von Unkonzentrierten, Fahrigen, in 1000 Konferenzen Übermüdeten regiert. Das Satiremagazin Titanic brachte es so auf den Punkt: „Den Politikern fehlt es an Visionen, Ideen und dem großen … ah, schau, ein Eichhörnchen!“ – Wenn Sie mir bis hierher ohne größere Abschweifung gefolgt sind, haben Sie eine Aufmerksamkeitsspanne von mindestens 4000 Zeichen. Glückwunsch: Sie können sich noch konzentrieren. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

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