Charaktersachen

10 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Charakter ist nur Eigensinn;
ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
wir sind ja so verschieden.

Paul Scheerbart in seinem Gedicht „Sei sanft und höhnisch!“

Der Mensch ist das Muster suchende Wesen. Er muss Ordnung in seine Erfahrungen und Beobachtungen bringen, er hat seine Umwelt gerne übersichtlich, verständlich und berechenbar. Das gilt besonders für die soziale Umwelt, und die Mustersuche erstreckt sich von Anbeginn auch auf die eigene Spezies: Was ist denn das für einer? Diese Frage steht für die wohl älteste psychologische Anstrengung menschlichen Denkens: das schnelle Erfassen von Eigenheiten und „typischen“ Zügen der Mitmenschen. 

Nach und nach entstanden immer neue Schubladen und immer komplexere Systeme. Stilbildend wurde die antike Lehre von den vier Temperamenten. Später folgten Typologien und Charaktertheorien wie die Physiognomik (das Wesen eines Menschen zeigt sich in seinem Gesicht) oder die Phrenologie (an seiner Schädelform). Aus Asien stammt das Enneagramm, in Europa suchte man Zusammenhänge zwischen Körperbau und Charakter (Leptosome, Athleten und Pykniker).

„Charakter“ wurde für lange Zeit zur Chiffre für das, was auffällig und typisch an einem Menschen ist. Sein Charakter lässt uns vorhersagen, was er in einer bestimmten Situation tut – oder sogar tun muss, weil sein „Charakterkopf“ oder seine „Charaktermaske“ (Karl Marx) es gebietet. In der Zuschreibung eines „Charakters“ steckten immer auch eine Wertung, eine Reduktion und eine Festlegung. Deshalb – und weil sie sich von der Fülle von vor- und halbwissenschaftlichen Charakterlehren absetzen wollte – bevorzugt die moderne Psychologie den Begriff „Persönlichkeit“, um Menschen zu beschreiben und zu kategorisieren. Ironischerweise definiert ein heutiges Handbuch der Psychologie: „Persönlichkeit ist das charakteristische Muster von Eigenschaften eines Menschen …“

Um der Vielschichtigkeit der menschlichen Psyche gerecht zu werden, holten die Pioniere der Persönlichkeitsforschung weit aus. Gordon Allport hat in den 1930er Jahren das Wörterbuch der englischen Sprache, den Webster auf Eigenschaftswörter durchforstet – und fand 17 953 Begriffe, mit denen sich Menschen beschreiben lassen. Mit dieser Sprachfülle – von aalglatt bis zynisch – könnte man jedem Menschen ein sehr persönliches Profil seines Charakters verpassen. Aber das widerspräche dem Bedürfnis nach Übersicht, nach einem handhabbaren Muster. Also wurde das Universum der Eigenschaften eingedampft: Wer aalglatt ist, ist meist auch gerissen, geschäftstüchtig, konfliktscheu. Und wer zynisch ist, auf den passt sehr wahrscheinlich auch pessimistisch, spöttisch und sarkastisch. Die Abertausende von Eigenschaftswörtern in jeder Sprache bilden unsichtbare Bündel, sie lassen sich schließlich in Überbegriffen ordnen – mehr oder weniger willkürlich. Und wir benutzen heute die neu gefundenen Persönlichkeitszüge nicht weniger reduktionistisch als die „Alten“ die ihren: „Friedhelm? Das ist doch dieser zwanghafte Typ!“

Aber oft brauchen wir differenziertere Charakterbilder, etwa wenn es um Erziehung oder Personalfragen geht. Was vielen Persönlichkeitsmodellen fehlt, ist der Entwicklungsaspekt: Wie veränderlich ist das, was wir für typisch an einem Menschen halten? Wenn Charakter „Prägung“ bedeutet, dann schließt das schon im Sprachbild jede Veränderung aus. Die moderne Persönlichkeitsforschung sucht zwar ebenfalls nach überdauernden Zügen. Aber sie behält auch einen (selbst-)therapeutischen oder pädagogischen Aspekt im Auge – der Mensch kann sich, in Grenzen, verändern. Charakter ist nicht zu 100 Prozent Schicksal.

Immer neue Anläufe unternimmt die Psychologie, um sowohl der Festgelegtheit als auch der Veränderlichkeit menschlicher Eigenschaften gerecht zu werden. In diesem Heft stellen wir einen neuen Versuch vor: Sechs Eigenschaften können in ihrer Ausprägung und Kombination ein Charakterbild abgeben, das uns erklärt, warum jemand so ist, wie er ist. Und ob er so bleiben muss. In diesem Persönlichkeitsmodell spielen Denkstile eine wichtige Rolle. Und die sind veränderbar.

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