Dankbar und geduldig

04 / 2014
 

Der schottische Philosoph David Hume war sich in dieser Sache sicher: Es ist ein Zeichen von Klugheit, langfristige Interessen über kurzfristige Impulse zu stellen. Gleichwohl war dem Gelehrten bewusst, wie mühsam Selbstkontrolle ist.

Und tatsächlich haben Psychologen seit Humes Zeiten belegt, dass Geduld keine besonders ausgeprägte menschliche Stärke ist. In der Regel ist die Gegenwart eben verlockender als die Zukunft. Heute ein neues Oberteil zu shoppen klingt im Zweifelsfall besser, als das Geld für die Altersvorsorge zurückzulegen. Im Extremfall kann eine solche Ruhelosigkeit gefährlich werden. Wer nie die Konsequenzen seiner Handlungen im Blick hat, überzieht leicht seine Kreditkarte oder ernährt sich ungesund.

Lange glaubten Forscher: Schuld an der menschlichen Ungeduld sind die Emotionen. Sie bringen den kühlen, klaren Verstand durcheinander und trüben so die Urteilsfähigkeit. Tatsächlich haben frühere Studien in diese Richtung gedeutet. Traurigkeit etwa verstärkt den Wunsch nach einer unmittelbaren Belohnung. Liegt die Lösung also darin, Gefühlsregungen durch Willenskraft herunterzuregulieren?

Der Psychologe David DeSteno von der Northeastern University in Boston stellt diese Sichtweise infrage. Seine Grundannahme ist: Emotionen haben sich irgendwann in der Menschheitsgeschichte durchgesetzt, da sie das Denken und Handeln schnell und zuverlässig lenken können. Dass Gefühlsregungen langfristig sinnvollen Entscheidungen deshalb prinzipiell im Wege stehen, hält DeSteno für falsch.

Der amerikanische Forscher schlägt eine differenzierte Sichtweise vor. Er meint, dass nicht alle Emotionen die menschliche Ungeduld verstärken. In einer neuen Studie hat DeSteno Belege für diese Hypothese erbracht. Demnach verringern Gefühle von Dankbarkeit die gefährliche Ruhelosigkeit.

Gemeinsam mit Kollegen von der University of California und der Harvard Kennedy School untersuchte DeSteno die unbegründete Abwertung der Zukunft, das sogenannte temporal discounting. 75 Probanden standen wiederholt vor der Wahl, sofort eine geringe Belohnung zu erhalten oder später eine hohe. Insgesamt waren 27 Entscheidungen zu treffen. In einem Durchgang etwa winkten 54 Dollar unmittelbar, oder 80 Dollar einen Monat später. Vorab verfassten die Freiwilligen einen Aufsatz. Einige beschrieben darin ein Ereignis, das sie dankbar gemacht hatte, andere ein beglückendes. Ein dritte Gruppe notierte ein neutrales Erlebnis.

Welchen Einfluss hatte die so hervorgerufene Stimmung? Die Auswertung belegte: Die glücklichen und die neutralen Probanden waren besonders ungeduldig. Sie wollten das Geld, und zwar sofort. Dagegen waren die dankbaren Teilnehmer eher bereit, auf die hohe Belohnung zu warten.

Diese Unterschiede waren messbar. In einem Fall etwa durften die Probanden die Option auf 85 Dollar in drei Monaten gegen eine unmittelbare, aber geringe Barzahlung eintauschen. Die glücklichen und neutralen Teilnehmer wurden bei 55 Dollar schwach. Die dankbar Gestimmten bestanden auf einer Entschädigung von durchschnittlich 63 Dollar.

Weitere Auswertungen zeigten: Wie viel Geduld einzelne Versuchspersonen aufbrachten, hing entscheidend davon ab, wie viel Dankbarkeit sie empfunden hatten. Positive Emotionen scheinen dagegen nicht grundsätzlich für einen realistischeren Blick zu sorgen. Sonst hätten die beglückten Probanden ebenfalls mehr Geduld aufbringen müssen.

Möglicherweise, so spekulieren die Wissenschaftler, ist Dankbarkeit unmittelbar mit einer zukunftsgerichteten Perspektive verbunden. Vielleicht, weil damit der Impuls verbunden ist, etwas zurückzuzahlen.

Die Konsequenzen dieser Erkenntnisse sind, nach Ansicht der Autoren, tiefgreifend. "Wir haben gezeigt, dass Emotionen Selbstkontrolle fördern können. Zudem scheint sich Ungeduld durch eine recht simple Aufgabe verringern zu lassen. Das eröffnet die Möglichkeit, weitreichende gesellschaftliche Probleme zu reduzieren – von dem Impuls, zu viel zu kaufen, über zu geringe Ersparnisse, bis hin zu Übergewicht und Nikotinsucht", sagt Ye Li von der University of California, die ebenfalls an der Studie beteiligt war.

Johannes Künzel

Quelle:
David DeSteno u. a.: Gratitude: a tool for reducing economic impatience. Psychological Science, 2014, im Druck (PDF)

 

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