Dann will ich mal wieder

05 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

„Ich bitte Sie nun, Ihren Blick für einige Zeit nach innen zu wenden und zu beobachten, wie es zugeht, wenn wir einen Entschluss erleben, was vor sich geht, wenn uns der erreichte Erfolg ein lebhaftes Lustgefühl beschert … Gewonnen wird diese Steigerung des Lebensgefühls nur durch ernstes und immer wiederholtes Wollen, das gegen äußere oder innere Hemmnisse mit Energie vorgeht und sie durch den Erfolg überwindet.“ So sprach Narziß Ach, Professor der Psychologie in Königsberg/Preußen, in seinem Vortrag „Über den Willen“ zu seinem gelehrten Publikum, der 82. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte. Das war im Jahre 1910. Die Willenspsychologie war lange Zeit eine Spezialität der deutschen Psychologie, möglicherweise beeinflusst durch eine landestypische Obsession: den Willen an sich. Nietzsches Wille zur Macht und Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung sind nur die bekanntesten Beispiele. Und wer bei „Wille“ und „deutsch“ an den Riefenstahl-Film Triumph des Willens denkt, in dem Hitlers Nürnberger Reichsparteitag bebildert wird, hat die Abgründe des „immer wiederholten Wollens“ vor Augen. Nach 1945 fand eine Akzentverschiebung in der nun amerikanisch dominierten Psychologie statt. Man konzentrierte sich jetzt auf die dem Willen vorgelagerten Motive, die uns überhaupt Ziele wählen lassen. Was motiviert uns? Macht, Geld, Ansehen, Lust, Selbstverwirklichung? Wofür lohnt es sich, „ernstes und wiederholtes Wollen“ aufzubringen? Eine verwirrende Vielzahl von Motiven und Motivsystemen entstand. Auch deutsche Psychologen haben sich intensiv an dieser Forschung beteiligt – und kehrten, Ironie der Wissenschaftsgeschichte, auf diesem Umweg zur alten Willenspsychologie zurück. Der 1988 verstorbene Motivationspsychologe Heinz Heckhausen glaubte, eine Lücke zwischen der Motivation und dem Willensakt entdeckt zu haben, also zwischen dem bloßen „Hätte ich gerne, wäre ganz gut!“ und dem „Mach ich! Ich fang schon mal an“. Heckhausen wählte die Metapher des Rubikon, um den Übergang zwischen diesen beiden mentalen Zuständen zu beschreiben: Als Cäsar 49 v. Chr. den Rubikon überschritt, hat er Fakten geschaffen und einen Bürgerkrieg ausgelöst. Diesseits des Rubikon ging es „nur“ um Motivation – also um das Wünschen, Wägen, Wählen. Erst jenseits des Rubikon geht es um das entschlossene Vorwärts zum Ziel. Inzwischen ist die Wiederauflage der einstigen Willenspsychologie in vollem Gange, unter dem etwas unverfänglicher klingenden Namen Volitionspsychologie. Sie untersucht immer noch den Willen, diese faszinierende Fähigkeit zur Selbstmobilisierung (Seite 20). Warum setzen wir uns überhaupt Ziele und wollen sie auch unbedingt erreichen? Manchmal, weil der Weg das Ziel ist – und uns eine Aktivität an sich schon Freude macht: Wir sind dann intrinsisch motiviert. Dafür bräuchten wir aber keine Willenspsychologie. Die kommt ins Spiel, wenn wir uns andere als Gutfühl- und Erfolgsziele setzen. Unsere Gesellschaft ist weitgehend auf extrinsischer Motivation aufgebaut – ihr Funktionieren hängt davon ab, dass genügend Menschen auch Dinge tun, die ihnen nicht am Herzen liegen: Das Gros der Arbeitnehmer arbeitet ganz einfach deshalb, weil es dafür bezahlt wird. Und weil das immer weniger befriedigt, versuchen Motivationstrainer den extrinsisch Motivierten einzureden, dass sie nur wollen müssen, dann kämen Spaß und Erfolg wie von selbst. Auch im Privatleben setzen wir uns Ziele. Es gibt so vieles, was zu wollen sich lohnen würde. Wir wollen abnehmen, gesund bleiben, uns verwirklichen, etwas dazulernen, auf hundert Arten glücklich sein: ein Überfluss an Zielen. Die Volitionspsychologie hat unter anderem herausgefunden, dass Willenskraft zwar eine gute Sache, wie alles Gute aber stark rationiert ist. Sie reicht längst nicht für alles, was wir uns vornehmen. Deshalb ist es sinnvoll, schon weit vor dem Rubikon zu überlegen, welche Ziele uns wichtiger sind als andere. Die Rolling Stones wussten es: You can’t always get what you want. 

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