Das Coming-out der Insichgekehrten

01 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Heinrich von Kleist hat 1805 eher nebenbei einen kognitionspsychologisch höchst interessanten Text geschrieben: „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.“ Kleist sah in dieser Methode eine Möglichkeit, sich selbst Klarheit über etwas zu verschaffen, wenn intensives Nachdenken nicht weiterhilft: „… so prägt das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang auch ein Ende zu finden, eine verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus.“ Der Aufsatz könnte als Manifest der Extravertierten missverstanden werden. Auch sie denken meist erst, während sie reden. Sie fangen einfach mal an und quasseln drauflos: Mal sehen, wo das hinführt! Der Unterschied zu Kleist: Erkenntnis ist nicht unbedingt das Ziel, es reicht schon die Tatsache, „dass wir geredet haben“.

Für Introvertierte ist Reden kein Wert an sich. Sie denken fast immer, bevor sie sprechen. Sie trauen dem „allmählichen Verfertigen“ nicht und müssen schon vorher Klarheit haben. Deshalb sind ihre Beiträge seltener, aber auch substanzieller als die der Extravertierten. Man kann die „Innies“ in Gesprächen daran erkennen, dass sie während des Sprechens den Augenkontakt vermeiden, denn sie müssen sich sehr konzentrieren. Beim Zuhören jedoch fixieren sie ihr Gegenüber oft intensiv, um ja kein Detail zu verpassen. Das alles ist anstrengend. Introvertierte brauchen etwa zwei Stunden Erholung für jede Stunde „Sozialkontakt“. Dann sind sie wieder fähig und willens, sich der Geselligkeit und dem Smalltalk der Extravertierten auszusetzen.

„Exies“ können einfach nicht kapieren, dass jemand nicht gerne quatscht, erzählt, herumblödelt und überhaupt Spaß in der Gruppe haben will. Und selbst wenn man ihnen erklärt, dass Introvertierte weder schüchtern noch gelangweilt und auch nicht arrogant sind, irritieren sie deren Nachdenklichkeit und ihre Schweigsamkeit. Und weil ihnen Gesprächspausen schwer erträglich sind, füllen sie diese mit ihrem Redefluss. Kein Wunder, dass sie in mündlichen Prüfungen meist besser abschneiden als Introvertierte. Diese jedoch haben ein verlässlicheres Gedächtnis und erreichen langfristig bessere Noten und höhere Schulabschlüsse.

Zweierlei Menschen also – die sich im Alltag oft gegenüberstehen wie Erdling und Alien. Ihre Gehirne, ihre ganze Physiologie unterscheiden sich tatsächlich in einigen wesentlichen Eigenschaften. Das introvertierte Gehirn ist, zum Beispiel, deutlich aktiver als das extravertierte. Es summt und brummt förmlich von Binnenaktivität, denn es verarbeitet und speichert mehr „innere“ Gedanken und Informationen. Gleichzeitig dauert es aber auch länger, diese Informationen zu sortieren und abzurufen – deshalb das große Bedürfnis nach Ruhe und Konzentration. Extravertierte dagegen langweilen sich schnell, wenn sie auf ihr „inneres“ Gehirn verwiesen sind; sie brauchen ein hohes Maß von Außenreizen.

Unsere Kultur liebt und begünstigt die Extravertierten. Wo Kontakt und Kommunikation heilig sind, wo überall getalkt wird und permanent action angesagt ist, fallen die Stillen im Lande als Sonderlinge auf. Die Extravertierten sind nicht nur in der Überzahl (Experten schätzen 70:30 Prozent), sie sind offenbar auch überrepräsentiert in Feldern, in denen flinke Zunge und Kontaktfreude entscheidende Vorteile bringen: in Politik und Wirtschaft. Sie verdienen auch deutlich mehr als Introvertierte (immerhin gibt es in den USA schon ein Buch mit dem Titel Warum dürfen nur die Extravertierten die große Kohle machen?). Überraschenderweise wird eine Gruppe nicht von Extravertierten dominiert: Unter Schauspielern gibt es wahrscheinlich mehr Introvertierte. Dazu passt irgendwie, dass Introvertierte – die ja durchaus auch soziale und performative Kompetenzen besitzen – sich in Gesellschaft oft vorkommen wie Schauspieler.

Wie können sich Introvertierte wehren gegen die Übermacht der allzeit kontaktfreudigen, plappernden, witzelnden, schlagfertigen Extravertierten? Vielleicht müssen sie sich von Zeit zu Zeit einfach outen und auf Artenschutz bestehen: „Ich bin introvertiert. Du bist ein netter Mensch, und ich mag dich. Aber jetzt halt bitte mal die Klappe!“

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