Der emotionale Wetterbericht

02 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

„An alle Passagiere des Flugs LH 212 nach Berlin: Der Abflug wird sich wegen technischer Probleme an der Maschine voraussichtlich um ein bis zwei Stunden verzögern. Wir bitten um Ihr Verständnis und werden Sie weiter informieren.“ Haben Sie einmal beobachtet, wie unterschiedlich die Wartenden auf diese Nachricht reagieren? Fast immer ist einer dabei, der mit hochrotem Kopf an den Eincheckschalter stürmt und laut und immer lauter verlangt, sofort auf eine andere Maschine umgebucht zu werden, ganz wichtiger Termin! Ein anderer seufzt tief ob dieses Schicksalsschlags und sackt in sich zusammen. Manche eilen schnurstracks in die Cafeteria und holen das Frühstück nach. Wieder andere finden sofort jemanden, mit dem sie angeregt-empört ihre Erfahrungen mit der Lufthansa und mit dem Fliegen überhaupt austauschen können. 
Haben Sie sich selbst in einer dieser Personen wiedererkannt? Zählen Sie sich zu den Cholerikern, den Phlegmatikern, den Sanguinikern oder zu den Melancholikern? Oder haben Sie Ihre eigene, untypische Art, wie Sie mit solchen Ereignissen umgehen? Wie auch immer: Auf die Wechselfälle des Lebens reagiert jeder von uns mit einem bestimmten emotionalen Muster. Was wir in Frust- oder Lustsituationen denken und tun, wird von unterschiedlichen Gefühlen, Emotionen, Stimmungen, Affekten eingefärbt. „Eingefärbt“ ist eigentlich das falsche Wort – Gefühle sind nicht nur Farbtöne des Lebens, sie dirigieren unser Verhalten maßgeblich. Mehr noch: Sie konstituieren letztlich das, was wir Persönlichkeit nennen. Die Emotionsforscher William Revelle und Klaus R. Scherer haben dafür eine Analogie gefunden: „Persönlichkeit verhält sich zu Emotion wie Klima zum Wetter.“ Und sie erläutern: „Was wir erwarten, ist Persönlichkeit, was wir zu einem gegebenen Zeitpunkt beobachten können, ist eine Emotion.“ 
Der psychologische Zeitgeist hat erst seit kurzem die Emotionen wiederentdeckt – nach jahrzehntelanger Konzentration auf das Denken, Problemlösen, Lernen und andere „höhere“ Verstandestätigkeiten. Lange Zeit hatte eine Art kortikaler Snobismus blind gemacht für das, was man eigentlich schon seit zwei Jahrtausenden wusste: Wir sind zuerst und vor allem emotionale Wesen, selbst dann, wenn wir glauben, völlig rational und sachlich an eine Sache heranzugehen. Nach dem cognitive turn, der immerhin den tumben Behaviorismus überwand, nun also der emotional turn

Ein Markstein bei dieser Kehrtwende war das Buch des Hirnforschers Antonio Damasio mit dem programmatischen Titel: Ich fühle, also bin ich. Psychologie und Neurowissenschaft haben Denken und Fühlen wieder zusammengeführt und sprechen heute vom „fühlenden Gehirn“. Seit moderne bildgebende Verfahren ermöglichen, dem Gehirn bei der Arbeit zuzusehen, ist die Omnipräsenz der Gefühle noch nachdrücklicher dokumentiert: Blink! Blink! So sieht es im Kopf aus, wenn wir Musik hören. Diese Regionen sind aktiv, wenn wir Probleme lösen oder an die Schwiegermutter denken. Und jene Regionen werden aktiv, wenn wir lügen. All diese Einblicke haben offenbart: Der Neocortex arbeitet (oder gar: herrscht) nie allein – er ist immer in engem Kontakt mit dem limbischen System. Emotionen sind integraler Bestandteil des Denkens.

Den Dernier Cri der emotionalen Wende präsentieren wir in diesem Heft: Nichts weniger als eine neue Persönlichkeitspsychologie formuliert der Psychologe Richard Davidson, der sich auch als affective neuroscientist sieht. Er beschreibt die sechs Dimensionen emotionalen Erlebens, die in ihrer individuell unterschiedlichen Ausprägung darüber entscheiden, wie wir auf die Welt reagieren. Zusammen ergibt dies den individuellen emotionalen Stil. Davidson verbindet allerdings das Neuste in der Gehirnforschung mit etwas Uraltem, nämlich mit spirituellen und weltlichen Traditionen der Selbststeuerung, der Achtsamkeit und der Meditation. Wir können unser„emotionales Wetter“ beeinflussen, wenn es zu trübe ist. Bei einer Frustration im Wartesaal muss es nicht zu Gewitter und heftigen Niederschlägen kommen. Der emotionale Stil lässt sich in gewissem Umfang verändern. Für viele Menschen ist das eine gute Nachricht.

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