Der Filmheld in uns

01 / 2011
 

Wenn Halbwüchsige nach der Kinovorführung von Krieg der Sterne im Foyer Kämpfe mit imaginären Lichtschwertern austragen oder es Fernsehzuschauerinnen auch nach der x-ten Ausstrahlung von Vom Winde verweht ganz romantisch ums Herz wird, dann ahnt der Forscher: Hier muss irgendein Funke vom Medium auf den Zuschauer übergesprungen sein. Doch was genau hat da gefunkt, und was hat der Funke im Betrachter entfacht?

Marc Sestir vom Gettysburg College und Melanie Green von der University of North Carolina sind dieser Frage jüngst in einer Studie nachgegangen und stellten fest: „Du bist, wen du anschaust.“ Soll heißen: Wenn Zuschauer sich mit einem Helden identifizieren, führt das – zumindest vorübergehend – zu Umgewichtungen in ihrem Selbstbild. Persönlichkeitszüge, die sie nach ihrer eigenen Einschätzung mit dem Helden teilen, rücken in den Vordergrund, während andere Charakterzüge zurücktreten.

Die beiden Forscher hatten 118 Studentinnen und Studenten rund zehnminütige Ausschnitte aus vier Filmen gezeigt: Fight Club, Stadt der Engel, American Psycho, Verrückt nach Mary. Ausgewählt wurden jeweils Szenen, in denen nach Einschätzung der Untersucher die grundlegenden Eigenschaften des Filmhelden besonders prägnant zum Vorschein traten. Die Zuschauer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die einen erhielten die Anweisung, die Geschichte distanziert „wie ein unabhängiger Beobachter“ zu begutachten; die anderen hingegen sollten in das Geschehen hineintauchen, „als wären Sie die Hauptfigur“.

Nach der Vorführung hatten die Teilnehmer eine zweite Aufgabe: Auf dem Monitor wurden ihnen in rascher Folge 19 Begriffe von Persönlichkeitseigenschaften präsentiert. Manche dieser Eigenschaften waren charakteristisch für den Filmhelden, andere nicht. Die Probanden sollten die Begriffe nun jeweils spontan per Tastendruck danach sortieren, ob der betreffende Charakterzug auf sie selbst zutraf oder nicht.

Das Ergebnis war eindeutig: Diejenigen Versuchsteilnehmer, die sich mit dem Filmhelden identifizierten, waren sehr fix mit ihrem Tastendruck, sobald sie sich Persönlichkeitseigenschaften zuschrieben, die auch für den Filmhelden charakteristisch waren. Bei Charakterzügen, die entweder nur sie selbst oder nur den Helden kennzeichneten, reagierten sie hingegen weniger schnell.

Sestir und Green interpretieren das so: Die Identifikation mit dem Filmhelden „aktiviert“ beim Betrachter bestimmte Facetten seines Selbstbildes, nämlich genau jene Persönlichkeitszüge, in denen er sich dem Protagonisten ähnlich fühlt. Er schlüpft sozusagen so weit wie möglich in dessen Hülle – allerdings ohne von ihm Eigenschaften zu übernehmen, die seiner eigenen Persönlichkeit zuwiderlaufen. Zuschauer passen ihr Selbstbild also nicht wie ein Chamäleon dem Charakter des Filmhelden an. Wohl aber betonen sie jene Eigenschaften, die sie ihrer eigenen Einschätzung nach von vornherein mit dem Filmhelden gemein haben. Dieser Teil ihres Selbst rückt in den Vordergrund ihrer Psyche, während andere Aspekte ihrer Persönlichkeit zurücktreten.

Solch ein Effekt tritt aber nur dann ein, wenn sich die Zuschauer tatsächlich mit dem Helden identifizieren. Das ist nicht automatisch der Fall – selbst dann nicht, wenn die Zuschauer dem Geschehen gebannt folgen, wie eine Variante des Experiments ans Licht brachte: Diesmal hatten die Probanden die Aufgabe, sich entweder auf das verwendete „Farbschema“ des Films zu konzentrieren oder aber sich auf die Ereignisse einzulassen, „als wären Sie selbst in dem Film“. Wie sich herausstellte, genügte letztere Aufforderung nicht durchgängig, um bei den Probanden Persönlichkeitszüge in den Vordergrund zu rücken, die sie mit der Hauptfigur des Films verbanden.

Damit ein Zuschauer seine Persönlichkeit der des Filmhelden angleicht, müssen also zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens muss der Zuschauer nicht nur von dem Film gefesselt sein, sondern sich tatsächlich mit dem Helden identifizieren. Und zweitens wird der Film nur solche Eigenschaften in ihm hervorkehren, die ohnehin Bestandteil seines Selbstbildes sind. Auch ist zu klären, wie lange diese Neuausrichtung der Persönlichkeit überhaupt anhält – womöglich ist die Fixierung auf den Helden nur eine flüchtige Mimikry.

Vielleicht relativieren diese Befunde die von Jugendgewalt und Amokläufen geschürte Sorge, zunehmend aggressiv und gewissenlos agierende Filmfiguren könnten auf die Persönlichkeit insbesondere heranwachsender Zuschauer abfärben. Filmgeschichten beeinflussen unser Selbst, aber sie steuern es nicht.

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