Der gefühlte Wert

09 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

In einer Kammer unseres Unterbewussten sitzt ein nervöser kleiner Buchhalter. Seine Aufgabe ist, tagtäglich den aktuellen Wert der Firma – also unserer Person – zu errechnen. Penibel vergleicht er Soll und Haben. Er vermerkt die Ausgaben für Erfolg, Ansehen und Aussehen. Und er verbucht die Eingänge wie Anerkennung oder Ablehnung, Lob oder Tadel, Distinktionsgewinne oder Statusverluste. Die Bilanz meldet er über eine Standleitung und in Echtzeit an die Zentrale. Die reagiert auf den Gang der Geschäfte mit einem sehr sensiblen Gefühl – dem Selbstwertgefühl.

Wie stabil kann eine Selbstwertbilanz sein, und wovon hängt es ab, ob jemand eine überdauernd gute Meinung von sich hat? Das ist vor allem eine Frage der Maßstäbe: Die wichtigsten sind Ich-Ideale, Leistungsvorgaben, Lebensziele, Statuswünsche. Fast jeder Mensch kennt den Schmerz, unter den eigenen (oder fremden) Erwartungen geblieben zu sein. Jeder weiß zwar: Nobody is perfect, und doch ist das Selbstwertgefühl bei den meisten Menschen leicht zu erschüttern. Wer heute vor Selbstbewusstsein fast schwebt, kann schon morgen am Boden zerstört sein. Und wenn jemand tatsächlich sehr, sehr überzeugt von sich selbst ist, und zwar immer, hat sich der innere Buchhalter wahrscheinlich verrechnet oder gar Luftbuchungen gemacht. Das ist die Geschäftsgrundlage der Narzissten.

Das ständige Taxieren des Selbstwerts ist keineswegs eine anthropologische Konstante. Familiäre und kulturelle Prägungen, aber auch politische und wirtschaftliche Einflüsse sorgen dafür, dass wir so oft auf die Skala schielen: Wo stehen wir gerade? Dieser buchhalterische Blick nach innen ist eine Spätfolge der protestantischen Arbeitsethik und der innerweltlichen Askese. Beide haben das westliche Menschenbild im frühen Kapitalismus geformt. Das calvinistische Dogma von der Prädestination besagt, dass am wirtschaftlichen Erfolg eines Menschen abzulesen sei, ob er der göttlichen Gnade teilhaftig, ob er auserwählt ist für das Himmelreich. Auch wenn diese Ethik viel von ihrer Wirkungsmacht verloren hat, so blieb doch die Verknüpfung des beruflichen oder wirtschaftlichen Erfolgs eines Menschen mit seinem Wert als Person bestehen.

Ein Selbstwertgefühl, das ausschließlich von äußeren Erfolgen abhängig ist – und damit auch von unbeeinflussbaren Faktoren und Zufällen, nennen die Psychologen kontingent (Seite 20). Weil es auf Leistungen und Vergleichen aufbaut, muss es ständig erneuert und abgesichert werden. Ein aufreibender, oft vergeblicher Job: Du bist immer nur so viel wert wie dein letzter Erfolg! In ständiger Selbstmobilisierung kämpft der Einzelne darum, nicht abzurutschen in Status, Aussehen, Beliebtheit. Dieser Kampf produziert nicht nur Workaholics, Perfektionisten und Leistungsbesessene, er macht uns alle müde.

In keinem anderen Land wird so viel über das Selbstwertgefühl geforscht und nachgedacht wie in den sehr protestantischen USA. Nur übers Glück wurden mehr Bücher geschrieben, und nur für die Intelligenz gibt es mehr Tests als für den Selbstwert. Aber es waren auch zwei amerikanische Psychologen, die dieses Gefühl als Dreh- und Angelpunkt des psychischen Wohlbefindens entzauberten. Roy Baumeister entdeckte die dunkle Seite der Selbstwertfixierung: Egoismus und Aggressivität. Ein paar Jahrzehnte davor hatte schon Albert Ellis die Selbstakzeptanz als Zeichen psychischer Gesundheit propagiert. Er verordnete das therapeutische Mantra: Ich bin wertvoll, weil ich existiere! Ich bin unbedingt etwas wert, einfach deshalb, weil ich lebe!

Ein gutes Gefühl für den eigenen Wert kann auf ganz anderen Pfeilern als dem äußeren Erfolg ruhen – etwa auf Werten wie Integrität, Hilfsbereitschaft, Mitmenschlichkeit, Gelassenheit und: auf der Nachsicht mit sich selbst. Diese Werte sind nicht abhängig von den Konjunkturen des Alltags. Einfach ist diese Umwertung jedoch nicht, erkannte auch Ellis – man müsse sie üben, üben, üben! Aber wenn sie gelingt, können wir den Selbstwert-Buchhalter in Rente schicken und an dessen Stelle einen Freund installieren, der uns daran erinnert: Du bist OK, weil du du bist!

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