Der Weg ist das Glück

10 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

Im Notizbuch eines wissenschaftlichen Giganten findet sich diese Projektskizze: Begin discussion – by saying what is happiness (Diskussion anstoßen – indem gesagt wird, was Glück ist). Eine weitere Notiz lautet: „Definition von Glück – die Zahl der angenehmen Gedanken, die in einem bestimmten Zeitraum durch den Kopf ziehen“. In anderen Einträgen unterscheidet der Autor Spielarten des Glücks: „Gänzliches (entire) Glück, nicht so erstrebenswert wie intensives Glück, selbst wenn dieses mit etwas Schmerz verbunden ist …“. Das „gänzliche Glück“ ist für ihn ein ganz auf angenehmen Sinnesempfindungen gegründetes Glück, das auch Tiere und Kinder fühlen können. Es sei nicht so wertvoll wie die intensiveren Freuden des Intellekts: „Ein kluger Mensch wird versuchen, diese Art Glück zu erfahren.“

Charles Darwin war es, den die Frage nach dem Glück umtrieb, 1838, zwei Jahre nach seiner legendären Reise mit der Beagle. Es muss ihn mächtig gereizt haben, ein Buch oder wenigstens ein Traktat über dieses Gefühl zu schreiben. Denn er war überzeugt davon, dass Glück eng mit psychologischen, moralischen und sozialen Aspekten der Menschwerdung verknüpft ist. Aber Darwin hat vermutlich erkannt, auf welch schwankendem Boden er sich mit dem Glücksthema bewegte. Er hatte genug zu tun damit, die Evolutionstheorie gegen den damaligen Zeitgeist durchzusetzen. 170 Jahre und viele angestoßene Diskussionen später erklärt ein anderer Wissenschaftler, der Sozialpsychologe Daniel Gilbert: „Zu fragen, was das Glück wirklich sei, ist etwa dasselbe, wie zu Beginn einer langen Pilgerreise gleich in den erstbesten Sumpf hineinzumarschieren.“

Und doch gibt es seit Darwin immer neue Anläufe, um die wissenschaftliche Glücksdiskussion zu etablieren. Zwei Jahrzehnte lang hat mittlerweile die Psychologie versucht zu klären, was das Glück ist, und dazu sogar eine eigene Subdisziplin etabliert, die „Positive Psychologie“. Wir wissen jetzt viel mehr übers Glück, aber hinter jeder neuen Erkenntnis tut sich ein neues Paradox auf. Beispielsweise galt noch in den 1990er Jahren der Neurotransmitter Dopamin als das Glückshormon – denn es fließt bei allen glücks- und genusserzeugenden Aktivitäten wie Essen, Sex, Spiel oder Drogenkonsum. Heute wissen wir: Dopamin ist auch an den kritischen und dramatischen Situationen des Lebens beteiligt. Es ist weniger ein Lust- als ein Antizipationsstoff. Wir sind nämlich am glücklichsten, wenn wir auf dem Weg zu einem Ziel den Reiz des Neuen erleben und Herausforderungen meistern. Anders ausgedrückt: Das Streben ist häufig der bessere Teil des Glücks, happiness of pursuit statt pursuit of happiness. Oder, wie es der Schriftsteller Julian Barnes in seinem Roman Flauberts Papagei ausdrückt: „Ist nicht die verlässlichste Form der Freude die Vorfreude? Wer möchte in den trostlosen Dachboden der Erfüllung eindringen?“

Wir machen uns aber auch deshalb immer wieder auf den Weg, weil uns Mythen über das Glück antreiben. Einige davon, wie etwa Reichtum, Familie, Erfolg, Status, Abenteuer, funktionieren wie Superreplikatoren: Wenn nur genug Menschen daran glauben und es immer wieder und immer weiter glauben, behält der Mythos seine Macht – und der Betrieb kann am Laufen gehalten werden. Der Konsumkapitalismus basiert auf seinen eigenen zeitgemäßen Glücks- und Erfüllungsmythen, etwa in Form von Fitness, Fun und Wellness.

Die Glücksmythen funktionieren ironischerweise auch deshalb, weil sich die Wissenschaft bemüht, das Glück zu entschleiern: Nun glauben die Menschen erst recht, dass es „gemacht“ werden kann. Was sonst sollte der Sinn seiner systematischen Erforschung sein? Einen distanzierten philosophischen Blick auf das heutige Glücksstreben wirft in diesem Heft der Philosoph Wilhelm Schmid (Seite 20). Er erklärt, dass Glück zwar möglich ist, aber nie von Dauer sein kann, und warum zum Menschsein das Einverständnis mit dem Unglück gehört. Eine philosophische Bekräftigung des Darwinparadoxes: Intensives Glück beinhaltet auch „etwas Schmerz“ – und es verlangt ein Mindestmaß an Reflexion. 

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