Die Ehe als gute Investition

06 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

1858 verglich der Epidemiologe William Farr die Sterblichkeitsquoten von drei französischen Bevölkerungsgruppen, von Verheirateten, Ledigen und Verwitweten. Er fand heraus, dass Unverheiratete in „unverhältnismäßiger Weise“ früher starben als Verheiratete und schloss daraus: „Die Ehe ist etwas Heilsames. Der Einzelne erleidet eher Schiffbruch auf seiner Lebensreise als der, der im Stand der Ehe ist.“ Diese Studie war der erste wissenschaftliche Hinweis darauf, dass das Zusammenleben als Paar mindestens einen Vorteil bringt – längere Lebensdauer. Ist das Eheleben auch in der Gegenwart noch bekömmlicher als andere Lebensformen? Und wie steht es mit den gesundheitlichen Kosten schlechter Ehen? Viele Studien später wissen wir: Nicht die Institution an sich, sondern die Qualität des Zusammenlebens ist der entscheidende Faktor. Erst positive Emotionen machen die Ehe zum Gesundbrunnen. 

Ehen sind, historisch betrachtet, erst seit kurzem keine Zweck- und Überlebensgemeinschaften mehr und nur noch selten Vernunft-Arrangements. Die Zweierbeziehung in all ihren Spielarten ist heute von besonderen Erwartungen geprägt: Wir erhoffen Glück, Erfüllung, Seelenverwandtschaft, tiefes Verständnis und vieles mehr. Deshalb setzen wir alles daran, den Traumpartner zu finden, und neue Medien versprechen uns als matchmaker perfekte Ergebnisse bei der Suche. Aber die hohen Ansprüche sind problematisch. Nach einer getroffenen Wahl wird die emotionale Temperatur der Beziehung unablässig überprüft. Wird es kühler und, wenn ja, wie schnell? Bei der Durchschnittslebensdauer von weit über 80 ist die große Frage: Hält auch die Liebe so lange durch? Oder führt Monogamie unvermeidlich zur Monotonie, erzeugt völlige Vertrautheit Klaustrophobie? Jede suboptimale Befindlichkeit kann als Anzeichen für eine falsche Entscheidung interpretiert werden. Trennung ist heute eine leichter erwogene Option. Der historische Höchststand der Scheidungsquoten scheint dafürzusprechen. 

Denn der Bedeutungswandel der Ehe oder Zweierbeziehung hat das Zusammenleben paradoxerweise nicht leichter gemacht. Wer nur eine Grundversorgung an guten Gefühlen erwartet, unterschätzt häufig den Druck der äußeren Verhältnisse auf die Zweisamkeit: Erschöpfung, Stress, schlechte Laune werden im „innersten Zirkel“ verarbeitet und ausgetragen. Einige Psychologen befürchten zudem, Paare seien zunehmend unfähig, etwas auszuhandeln, Kompromisse zu schließen oder Probleme gemeinsam zu bewältigen. Wie soll man da Leidenschaft und Attraktion konservieren – über Jahrzehnte hinweg?

Ist dieser pessimistische Blick auf die moderne Beziehungsrealität gerechtfertigt? Es gibt, trotz der Scheidungsstatistik, andere Einschätzungen. Eine Mehrheit der Paare ist immer noch bereit, ernsthaft und geduldig um ihr Glück zu kämpfen. Daniel Jones, der eine Ratgeberkolumne „Moderne Liebe“ in der New York Times betreut, hat über 50 00 Anfragen gesichtet und zieht dieses Fazit: Der weitaus größte Teil der Zuschriften dreht sich um zwei Fragen. „Wie finde ich die Liebe?“, und vor allem: „Wie finden wir die Liebe wieder, wenn sie verlorengegangen ist?“ 

Eine wissenschaftlich fundierte und in der Praxis bewährte Antwort auf die zweite Frage hat der Schweizer Paartherapeut Guy Bodenmann (Seite 20). Weil jede andauernde Zweierbeziehung einen unvermeidlichen Bedeutungswandel durchmacht, ist die Bereitschaft zum Nachjustieren von Erwartungen und Umgangsformen wichtig. Emotionales Updating nennt Bodenmann dieses gemeinsame Bemühen. Es ermöglicht, einer Entfremdung vorzubeugen, unrealistische Erwartungen zu korrigieren und durch (allerdings oft erst zu erlernende) Kommunikationsformen die Transformation der Beziehung zu managen. So erlangen Paare die Fähigkeit, am Partner festzuhalten, auch wenn die momentane Befindlichkeit nicht dafürspricht. Diese Beziehungsarbeit trägt ihren Lohn in sich: neben Gesundheit und Langlebigkeit (siehe oben) vor allem bewahrtes und erneuertes Glück.

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