Die größte Freud’

01 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

Glück ist heute dank intensiver Beforschung zu einem Sammelbegriff für alle Arten von positiven Gefühlen und angenehmen Empfindungen geworden: ein semantischer Sumpf. Der Psychologe und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Daniel Kahneman hält Glück vor allem für eine Sache der Erinnerung. Denn wir wüssten eigentlich erst im Rückblick, ob eine Zeitspanne wirklich glücklich war. Ein gehabtes, nicht mehr verlierbares Glück trage wesentlich zu einer positiven Lebensbilanz bei. Wir empfänden Genugtuung über unsere Leistungen und Erfahrungen. 

Diese Spielart des Glücks entspricht eher dem, was wir mit Zufriedenheit meinen. Andere Formen des Glücks sind Sache von Gegenwart und Zukunft. Wir genießen den Augenblick oder versuchen es zumindest („Verweile doch, du bist so schön!“). Und wir empfinden Glücksgefühle in Erwartung guter Dinge in der Zukunft. Die Forschung zeigt jedoch, dass Gegenwartslust und erhofftes Glück für die Gesamtbilanz stark überschätzt werden. Hat Kahneman also recht: „Lerne schätzen, was du (gehabt) hast“? 

In Deutschland gibt es seit langem eine Tradition, die Zufriedenheit als das wahre Glück zu feiern: als die vernünftige, mitunter auch resignierte Anpassung der Erwartungen an die Verhältnisse. Jean Paul beispielsweise beschrieb liebevoll das Leben skurriler, aber zufriedener Tröpfe (wie etwa des Schulmeisterleins Wutz oder Quintus Fixleins), und er erfand gar die Formel von einem „Vollglück der Beschränkung“. Und im Biedermeier, zwischen 1815 und 1848, verschönte sich eine ganze Generation den gesellschaftlichen Stillstand mit dem mentalen Trick einer Gegenwartsdehnung. Zufriedenheit wurde zur Tugend, die das Behagen an relativer Ruhe und bescheidenem Wohlstand ermöglichte. Diese Genügsamkeit und den Selbstgenuss dieser Epoche hat etwa Wilhelm Busch karikiert, wenn er den Lehrer Lämpel nach getaner Arbeit sagen lässt: „Ach, spricht er, die größte Freud’ ist doch die Zufriedenheit“, oder den Maler Klecksel: „Sei mir willkommen, süßer Schlaf! Ich bin zufrieden, weil ich brav.“ 

Historisch wechseln sich Zyklen von Hoffnungs- und Aufbruchsglück und von Rückzugsglück ab. Heute scheint die Hoffnung, wir kämen irgendwie „weiter“ und alles werde besser, mal wieder gründlich entzaubert zu sein. Oder hat uns das Internet, die einzig wahre Innovation unserer Zeit, wirklich glücklicher oder zufriedener gemacht? Wir suchen Rettung vor Burnout und Stress in der Work-Life-Balance oder im Wellnesshotel, wir erlernen Achtsamkeit und Akzeptanz, um nicht ständig vom Alltag überwältigt zu werden, wir finden Beruhigung und Bestätigung unserer Existenz in neuer Häuslichkeit, beim Sharing und Downshifting. Und bei Facebook (dem postmodernen Poesiealbum), bei Manufactum und Landlust blüht ein neues Biedermeier. 

Idyllen sind oft trügerisch und selten von Dauer. Das gilt besonders dann, wenn sie nur Fluchtpunkt aus einer bedrückenden Gegenwart bleiben. Zufriedenheit als Selbstbescheidung kann jedoch auch bedeuten: erholen und Kraft sammeln auf einem Plateau des Erreichten. Die Anpassung der eigenen Ansprüche an die momentane Lage und das Nichtakzeptieren übler Verhältnisse müssen keine Widersprüche sein. Und dass Zufriedenheit keinen biedermeierlichen Beigeschmack haben muss, zeigt unsere Titelgeschichte (S. 20). Wir brauchen beides: Zufriedenheit und produktive Unruhe. Das gilt nicht nur fürs Private, sondern auch im Blick auf die Verhältnisse um uns herum, die alles andere als Anlass zur Zufriedenheit geben. Und dass es jemals zu viel Zufriedenheit geben könnte – diese Sorge ist wohl unberechtigt. „Das Haus der Zufriedenen“, sagt ein Sprichwort aus Friaul, „ist noch nicht gebaut.“

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