Die innere Sicherheit

12 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

„Die Rente ist sischer“, behauptete ein früherer Arbeitsminister jahrzehntelang. Es war konsequent, dass er nach der eigenen Pensionierung seinen kabarettistischen Ambitionen freien Lauf ließ. Die Rente ist heute so „sischer“ wie Arbeitsplätze, Lohnzuwächse oder Atommülldepots – also überhaupt nicht. All das, was in modernen Gesellschaften für ein Gefühl von Stabilität und Verlässlichkeit sorgen sollte, ist ins Rutschen geraten. Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang gerne von der „Fluidität“ der Verhältnisse, der die Menschen mit Flexibilität zu begegnen hätten. Im Klartext: Alles ist im Fluss, und vieles geht den Bach runter. Wir sind dabei zu lernen, dass Krisen eine Dauererscheinung sein werden und wir uns auf nichts mehr wirklich verlassen können. Sicherheit wird, was die Abfederung gegen Lebensrisiken und Schicksalsschläge betrifft, zur Privatangelegenheit.

Die stetige Verwissenschaftlichung aller Lebensbereiche und die wuchernde Expertenherrschaft haben paradoxerweise zu Ratlosigkeit, Unsicherheit und vager Zukunftsangst geführt. Denn die Experten und Wissenschaftler widersprechen einander in fast allen existenziell wichtigen Fragen oder revidieren sich selbst in immer kürzeren Abständen. Wir müssen erkennen: Die wissen es auch nicht! Und so wird das Lebensgefühl geprägt von den zittrigen Kurven der Börse und der endlosen Krisen- und Katastrophenlitanei der Massenmedien. Vermeintliche und echte Bedrohungen sind allgegenwärtig. Wir müssen immer mit dem Schlimmsten rechnen: Terroranschlägen, Epidemien, Naturkatastrophen, Flugzeugabstürzen, Inflations- und Pleiteszenarien, Lebensmittelverunreinigungen, Arbeitslosigkeit. Ein vages Gefühl ständiger Bedrohung erzeugt allmählich Sicherheitsobsessionen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu erkannte in den modernen Staaten einen „Produktionsmodus, der die Institutionalisierung von Unsicherheit zur Grundlage hat“. Prekäre Verhältnisse seien geradezu eine Prämisse des Regierens.

Unser Sicherheitsbedürfnis wird nur noch auf Nebenschauplätzen bedient: Kaum noch ein Winkel in den Städten, der nicht durch Überwachungskameras oder Wachpersonal („Security“ als Wachstumsbranche) kontrolliert wird. Sicherheit wird zur gefragten Ware: Autos mit ABS und Airbags, Antivirenprogramme, Objektschutz, Diebstahlsicherungen, Versicherungen gegen alles und jedes. So entstand ein Sicherheitsparadox – je intensiver und sichtbarer Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, desto größer wird das Gefühl der Bedrohung bei denen, die geschützt sein wollen.

Die menschliche Existenz war immer schon zahllosen Unsicherheiten und Risiken ausgesetzt. Auf diese Lage können Menschen auf drei Weisen reagieren: mit Verleugnung, mit Apathie – oder mit bewusster Auseinandersetzung. Erst wer sich der Tatsache stellt, dass nichts im Leben sicher ist (außer Steuern und Tod), gewinnt die innere Freiheit, das Beste aus dieser Lage zu machen (Seite 20). Risikointelligenz nennt der englische Philosoph Dylan Evans die Fähigkeit, in unsicheren Zeiten möglichst kluge Entscheidungen zu treffen (oder auch aufzuschieben). Und je unsicherer die Zeiten werden, desto wichtiger wird diese Spezialintelligenz – eine Kombination aus Intuition und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Zur Risikointelligenz gehört auch das Erkennen dessen, was man nicht weiß, vielleicht sogar die Erkenntnis, dass man in vielen Dingen gar nicht weiß, was man wissen müsste. Risikointelligenz hat die Menschheit immer schon bewiesen, sonst gäbe es sie längst nicht mehr. Zum klugen Umgang mit Unsicherheit gehört also auch die Weisheit, dass man gelegentlich ein Wagnis eingehen muss.

Was Hegel als heroische Haltung gegenüber dem Schicksal beschrieb, die menschliche Lust auch am Unbekannten und Ungewissen, das Eintauchen in das Überraschende, ins Abenteuer, ja selbst in die dosierte Vorwegnahme des Todes – all das gehört auch zum Leben. Daran erinnert uns Ulrich Beck in seinem Buch Weltrisikogesellschaft. Und er empfiehlt die nur auf den ersten Blick ironisch erscheinende Lebensmaxime: Risiko, ergo sum!

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