Die Psychologie des Unvermeidlichen

06 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

Das Unvermeidliche in jedem Dasein ist der Verlust. Im Prinzip können wir alles verlieren, was uns lieb und teuer ist (ganz abgesehen vom eigenen Leben): Angehörige, Freunde, Haustiere, Heimat, Arbeit, Freiheit, Jugend, Ideale, Ansehen, und so weiter. Weil Verluste fast immer schmerzhaft sind, weil sie unsere Identität und unser Selbstgefühl erschüttern, haben Menschen schon immer darüber nachgedacht, wie sie den Schmerz zumindest mildern könnten. Der römische Stoiker Seneca fasste eine Methode, die Vorwegnahme des Schlimmsten, in seiner berühmten Trostschrift an Marcia so zusammen: „Wir leiden so sehr, weil wir uns kein Übel vorstellen wollen, ehe es eintritt. Aber was man lange vorher in Gedanken durchlaufen hat, überfällt einen nicht so plötzlich. Wer in die Zukunft hinausschaut, entzieht dem Übel, wenn es da ist, seine Kraft.“

Um das Unvermeidliche zu ertragen, müssen wir nicht alle Stoiker werden, auch wenn es hilft, „abschiedlich“ zu leben und auf alles, auch das Äußerste, gefasst zu sein. Weil Verluste zum Leben gehören, sind wir auf vielfache Weise gerüstet, kritische Phasen durchzustehen. Wir können oft erstaunliche Widerstandskraft entfalten. Immer genauer arbeiten Psychologen heraus, was uns nach Verlusterfahrungen und den Schlägen eines wütenden Geschicks so schützen kann, dass wir darunter nicht zerbrechen. Sie suchen danach, was uns resilient macht. Der Freud-Schüler Sándor Ferenczi beschrieb bereits vor einem Jahrhundert eine seelische Rettungskraft, die er „Orpha“ nannte. Die orphischen Kräfte schützten die Seele bei traumatischen Verlusten vor dem völligen Zusammenbruch. Genau das, was wir normalerweise vermeiden wollen, helfe uns dann: völliger Rückzug aus dem Alltagstreiben, Einsamkeit, für eine Weile Neben-sich-Stehen, sich auf den Schmerz konzentrieren.

Der schmerzhafteste Verlust überhaupt ist der eines geliebten Menschen. Es ist der emotionale Super-GAU, und den anhaltenden Schmerz, den wir dann erleben, nennen wir Trauer. Wen dieser Schmerz trifft, der erlebt eine ganz persönliche Hölle. Wir sind im Innersten getroffen, fühlen uns isoliert und irgendwie aus der Welt geworfen, auch wenn wir Trost und Zuwendung erfahren. Auf einer Stressskala „krisenhafter Lebensereignisse“ ist der Tod eines (Ehe-)Partners das Maß aller Dinge – mit dem Maximalwert 100. Der zweithöchste Wert ist eine Scheidung (73 Punkte), der dritthöchste der Tod eines Angehörigen (63). Kein Wunder, dass wir das mit diesen Verlusten verbundene Gefühl scheuen. Wir wollen nicht einmal daran denken. Selbst die Trauer anderer beunruhigt und verstört uns oft.

Aber auch Trauer kann uns stärker machen. Der Psychologe und Resilienzforscher George A. Bonanno leitet gerade – ganz im Geiste Ferenczis – eine neue Phase in der Trauerforschung ein, vielleicht sogar einen Paradigmenwechsel. In seinem vor kurzem erschienenen Buch Die andere Seite der Trauer stellt er fest: Trauer weckt zum einen fast immer eine natürliche Widerstandskraft, die uns hilft, erschütternde Verluste nicht nur unbeschädigt zu überstehen, sondern –und das ist ihre „andere Seite“ – reifere und reflektiertere Menschen zu werden (Seite 26). Zum anderen verschafft uns erlebte Trauer auch eine erlernte Resilienz. Die macht uns generell lebenstüchtiger angesichts von Stress und Widrigkeiten aller Art.

Trauer ist also ein wichtiges und wertvolles Gefühl. Ihre positive Seite erkannten kluge Menschen zu allen Zeiten. Schon vor 200 Jahren hat Bonannos Landsmann, der USA-Mitbegründer und -Präsident John Adams beobachtet: „Trauer zwingt den Menschen zu ernsthaften Reflexionen, sie schärft das Verständnis und macht das Herz weicher.“ Ob es jedoch so etwas wie „richtiges“ Trauern gibt, ob die „Trauerarbeit“ (eine Begriffsschöpfung Sigmund Freuds) in bestimmten Phasen und innerhalb festgelegter Fristen zu leisten ist, darüber informiert unsere Titelgeschichte.

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