Du willst dein Leben ändern? Hahaha!

09 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

Bis vor kurzem nährte die Psychologie die immergrüne Hoffnung, der Mensch sei veränderbar, zum Positiven natürlich. Zwar nicht nach Belieben, aber doch. Voraussetzung dafür sei eine gewisse Einsicht in die Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit einer Veränderung – und die Kenntnis einiger Kniffe und Tricks aus dem Schatzkästlein der angewandten Psychologie („Visualisieren Sie Ihren Erfolg!“). Unter der Rubrik Lebenshilfe finden sich immer noch meterweise Ratgeber, die uns zur Selbstverbesserung in fünf, sieben oder zehn Schritten anleiten und uns – im Sinne der berühmten Rilke-Zeile „Du musst dein Leben ändern“ – zur Arbeit am Ich, zur Übung oder gar zur Askese ermutigen wollen.

Aber das Pendel schlägt gerade weit zurück: Seit zwei, dre i Jahren verdrängt ein neuer Typ von Aufklärungsbüchern die Selbstverbesserungsliteratur. Man könnte die neue Welle mit „resignativer Realismus“ etikettieren. Angeführt vom Nobelpreisträger Daniel Kahneman (Schnelles Denken, langsames Denken), erklären ihre Autoren uns nun, warum wir uns nicht verändern können, warum wir es nicht fertigbringen, vernünftig zu leben: nämlich den Verstand möglichst oft einzuschalten, uns das Rauchen oder Schlemmen abzugewöhnen, mehr Sport zu treiben, weniger fernzusehen, weniger überflüssiges Zeug zu kaufen, offener oder verbindlicher zu kommunizieren und so weiter. Die neue ist eine alte Botschaft: Wir sind (und bleiben) irrationale Entscheider, Selbstbetrüger, willensschwache Marionetten der eigenen Triebe und Emotionen, unverbesserliche Gewohnheitstiere. Lieber Sigmund, du hattest doch recht – wir sind nicht Herr im eigenen Hause!

Gehirnforschung und evolutionäre Psychologie zeigen uns wieder und wieder: Der Neokortex – also das denkende Gehirn – ist eine feine Errungenschaft, aber wir benutzen es fast immer im Energiesparmodus. Die entwicklungsgeschichtlich älteren Hirnregionen prägen unser Verhalten, und zusammen mit dem angeborenen Temperament und mächtigen sozialen Einflüssen lenken sie uns mehr, als uns lieb sein kann. Wer will, kann aus alledem eine Art Generalabsolution in eigener Sache herauslesen: Ich kann ja nichts dafür, dass ich so bin, wie ich bin. Meine Amygdala ist schuld!

Die meisten Versuche zur Selbstverbesserung beginnen mit dem Kampf gegen alte Gewohnheiten. Diese markieren den Status quo der Psyche, und sie ermöglichen uns die routinierte Bewältigung des Alltags. Aber sie sind resistent gegenüber neuem Lernen und neuen Erfahrungen, und in kürzester Zeit machen sie uns zu ihren Gefangenen. Gewohnheiten erfüllen meist wichtige Funktionen in unserem Seelenhaushalt: Sie sparen uns Zeit und Energie, sie wirken wie eine Selbstmedikation (zum Beispiel Alkoholkonsum). Sie reduzieren Stress (zum Beispiel Rauchen). Und sie machen uns, zumindest kurzfristig, sogar glücklich (zum Beispiel Essen, Faulsein).

Langfristig jedoch erweisen sich viele Gewohnheiten als schlechte: Wir werden krank, fett, unbeweglich oder unglücklich. Und leider, so bekräftigen neue Forschungsergebnisse und eigene Erfahrung, helfen dann gute Absichten und gutgemeinte Psycholiteratur nicht mehr. Gewohnheiten sind wie Trampelpfade im Park – wer einmal eine Abkürzung gegangen ist, geht sie immer wieder. Es ist fast aussichtslos, die Passanten zu anderen Wegen zu erziehen. Der Gehirnforscher Gerhard Roth schrieb: „Eine alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen ist das schwerste, was es für das Gehirn gibt.“

Und doch ist Selbstveränderung möglich – allem neurobiologischen Pessimismus oder Realismus zum Trotz. Der Autor unserer Titelgeschichte, Charles Duhigg, verbindet Realismus mit Optimismus: Gerade das neue Wissen über die Entstehung von Gewohnheiten oder die Belohnungssysteme des Gehirns lässt sich nutzen (Seite 20). Selbstveränderung ist möglich – nicht durch „Abgewöhnen“ alter, sondern durch das Erlernen neuer – attraktiverer Verhaltensmuster. Das Gehirn muss sich selbst neu programmieren. Schwierig, aber machbar und lohnend. Denn am Ende werden wir, wie Faust, die Engel singen hören: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

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