Unser täglicher Ausdruckstanz

04 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Wer sonst nichts über ihn weiß, kennt zumindest diesen einen Satz des großen Kommunikationsforschers Paul Watzlawick. Die Kommunikationsregel Nr. 1 besagt: Ob wir wollen oder nicht, wir teilen anderen immer etwas über uns mit. Auch wer etwa den großen Schweiger mimt, will damit etwas sagen. Sein Schweigen ist beredt, sagt die Redensart treffend: homo homini Quasselstrippe. Denn Gesten, Mimik, Haltung, Muskeltonus enthalten sogar verlässlichere Botschaften als die Worte, die jemand spricht (oder eben nicht). 

Die einfachsten körperlichen Manifestationen erzählen fast schon alles: Wie jemand geht, steht oder sitzt, das ist immer auch ein Communiqué seiner inneren Befindlichkeit. Die meisten dieser Signale verstehen wir intuitiv richtig. Das gelingt selbst Sportreportern, wenn sie uns das Offensichtliche kennerisch erklären: In der Körpersprache von Fußballern etwa lesen sie, ob nun ein Aufbäumen gegen eine drohende Niederlage oder resigniertes Hinnehmen der Schlappe zu erwarten ist. Vieles ist tatsächlich sehr einfach zu deuten, aber manchmal tappen auch geübte Körpersprache-Semantiker im Dunkeln. So wurde die berühmte Merkel-Raute schon auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert: als Verlegenheitsgeste, als Ausdruck von innerer Ruhe oder Konzentration, als self-branding, aber auch als Versuch der Selbstkontrolle. Ob die Raute nur das Herumfuchteln mit den Händen verhindern oder ob sie quasibuddhistische Gelassenheit signalisieren soll, ob sie eine gewollte oder eine unbewusste Geste ist – so genau weiß es vermutlich nicht einmal die Kanzlerin selbst. 

Das Geschäft mit dem weitverbreiteten Wunsch, die Körpersprache der Mitmenschen immer genauer entziffern zu können, blüht. Seit Jahrzehnten verkaufen sich die Ratgeber von Charisma-Coaches, Verkaufs- und Verhandlungstrainern und Mimik-Decodierern erfolgreich. Dass die Entschlüsselung der Körpersprache nicht ganz so einfach ist, wie oft suggeriert wird, und dass viele Körpersignale ihre Mehrdeutigkeit nur dann verlieren, wenn sie in einem größeren Kontext gesehen werden, beschreibt unsere Titelgeschichte (Seite 20). Vor allem aber zeigt sie: Wir wollen zwar die Körpersprache bei anderen richtig verstehen, aber unser eigenes Darstellungsvermögen ist uns nur selten bewusst. Im alltäglichen Theater, das wir spielen, vergessen wir regelmäßig, dass wir nicht nur unseren Text sprechen müssen, sondern dass wir auch einen mehr oder weniger gelungenen Ausdruckstanz aufführen. Das erklärt, warum viele regelrecht geschockt sind, wenn sie sich, etwa in einer Videoaufzeichnung, selbst sehen: Dieser Typ mit den hochgezogenen Schultern, nervösen Händen und dem schiefen Lächeln – das soll ich sein?

Die Körpersprache ist jedoch nicht nur Teil der Selbstdarstellung, die wir auch durch die Wahl der Kleidung oder durch eine bestimmte Sprechweise betreiben. Wir spielen eben nicht nur Theater für andere, wir können uns buchstäblich selbst eine Rolle auf den Leib schreiben. Die neuere Forschung zeigt nämlich: Emotionale Selbstbeeinflussung durch bewusste Körperhaltungen ist möglich. Nicht nur unsere inneren Zustände drücken sich in der Körpersprache aus. Wir können den Prozess umkehren und dem Gehirn durch bewusste Gesten vorgeben, wie es sich zu befinden hat, zum Beispiel in Prüfungs- oder Bewertungssituationen. Oscarreife Leistungen sind dazu nicht nötig. Es genügt, einige Basiserkenntnisse der Kommunikationswissenschaft zu beherzigen und negative Körpereinflüsse auf das Denken und Fühlen zu vermeiden. Gerade wer nicht zu selbstbewusstem, selbstsicherem Auftritt neigt – also all die Schüchternen, Introvertierten, Selbstkritischen, die sich oft klein machen –, kann seine Körpersprache in Richtung auf selbstbewusste Präsenz verbessern. Präsenz ist das körperliche Äquivalent zur Geistesgegenwart: Hier bin ich, so bin ich! Die Wirkung wird verblüffend sein. 

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