Eltern. Kind. Neurose?

10 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

Leo Tolstois Roman Anna Karenina beginnt mit dem Satz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Weil Glück ein bisschen langweilig ist als Stoff für große Literatur, lesen wir lieber die Varianten des Unglücks – von den Karenins über die Buddenbrooks bis zu den dysfunktionalen Romanfamilien unserer Tage. Gute Familiengeschichten sind dramatische Mehrgenerationengeschichten, und sie interessieren uns unter anderem deshalb, weil wir als erwachsene Kinder erfahren wollen, wie es anderen mit ihren Eltern ergangen ist.

Auch die Psychologie beschäftigt sich überwiegend mit dem Nicht-Glücklichen, dem „neurotischen Elend“ (Sigmund Freud), das in der Familie seinen Ursprungsort hat. Die 1960er und 70er Jahre waren die Entstehungszeit wichtiger Familientherapien. Sie sezierten und erklärten das System Familie neu, weit über die Psychoanalyse hinaus. So kam allmählich ein pathologischer Drall in das Familienbild einer ganzen Generation: Existieren überhaupt irgendwo „glückliche Familien“? Kann jemand völlig unbeschadet aus der Eltern-Kind-Beziehung herauskommen? Die bürgerliche Familie geriet in den Verdacht, prinzipiell dysfunktional zu sein, ein Treibhaus der Neurosen. Feindbild Familie, das hieß: Väter als Tyrannen und Patriarchen, wahlweise als Schwächlinge und Versager, Mütter als klammernde Glucken oder bedürftige Emotionsbündel, wahlweise labil oder kalt und ablehnend. Und die Kinder? Sie schleppten sich als beschädigte, gehemmte, neurotische oder sonst verkorkste Erwachsene durchs Leben.

Von dieser düsteren Sicht sind wir heute weit entfernt. Richtig bleibt: Familie ist immer eine Herausforderung. In jeder, auch der glücklichsten Familie gibt es Phasen, in denen es knirscht und kracht. Vor allem Ablösung und Selbständigwerden der Kinder sind oft begleitet von Entfremdung und Streit. Dennoch entwickelt sich zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern allmählich eine friedliche Symmetrie. Zu diesem erfreulich positiven Ergebnis gelangt die empirische Familienforschung: Im Großen und Ganzen kommen die beiden Generationen gut miteinander aus und begegnen sich auf Augenhöhe (Seite 26). Aber auch auf Augenhöhe lässt sich noch ein bisschen weiterstreiten: Wann ist beispielsweise die Erziehung zu Ende? Ab wann dürfen Kinder zurückerziehen?

Schwieriger wird es, wenn enttäuschte Erwartungen und unerfüllte Wünsche auf beiden Seiten nicht abgehakt werden können. Dann kommt es zum Aufrechnen und Abrechnen: „Was habe ich nicht alles für dich getan?“, manchmal gefolgt vom Killersatz: „Und was ist der Dank?“ Kinder listen ihrerseits erlebte Defizite auf – an Zuwendung, Verständnis, Liebe, Geld. Genau hier hat der ungarische Familientherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy das typische und unvermeidliche Kernproblem zwischen den Generationen gesehen – und es ins Zentrum seiner Arbeit gestellt: Weil das Streben nach Gerechtigkeit ein primäres menschliches Motiv ist, soll es gerade in der wichtigsten menschlichen Institution überhaupt, in der Familie, gerecht zugehen. „Schulden“ müssen zunächst anerkannt, möglichst fair ausgeglichen oder großzügig erlassen werden. Nur wenn die Fragen um Gerechtigkeit und Loyalitäten geklärt werden können, lassen sich Verbitterungen und Altlasten auflösen.

Und selbst für unglückliche Familien muss das Unglück nicht andauern. Psychotherapeuten zeigen Wege, mit Funkstille, Beziehungsabbruch und anderen stillen Katastrophen fertigzuwerden (Seite 20). Das Lernziel heißt Akzeptanz: Jeden so zu lassen, wie er ist. Nicht mehr erziehen wollen, Trennung oder Distanz hinnehmen, keine Dankbarkeit erwarten. Und was können erwachsene Kinder tun? Sie sollten es irgendwann schaffen, ihre eigenen Bedürfnisse und Erwartungen zu sortieren und abzugrenzen von denen der Eltern. Familientherapeuten nennen es „bezogene Individuation“: Ein Mensch erringt seine Autonomie, ohne die Beziehungen zu den Eltern völlig auszudünnen oder abzubrechen. Darin besteht die vielleicht größte Leistung des Erwachsenwerdens.

 

 

 

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