"Ich bin ein Narzisst"

08 / 2014
 

Viele psychologische Tests sind komplex. Übersteigerte Selbstliebe erfassen Forscher zum Beispiel oft mit dem Narcissistic Personality Inventory (NPI). Je nach Version werden Antworten auf 37 bis 54 Fragen fällig. Eine knappe Viertelstunde Bearbeitungszeit darf man dafür ruhig einplanen (englischsprachige Version des NPI: http://psychcentral.com/quizzes/narcissistic.htm).

Manchmal muss es aber schneller gehen. Für Wissenschaftler gilt das, wenn sie auch andere Fragen an Probanden haben – und diese nicht unnötig langweilen wollen. Beim ersten Rendezvous bietet es sich ebenfalls kaum an, einen ausführlichen Fragebogen mitzubringen.

Und es geht eben auch knapper: Brad Bushman, Sara Konrath und Brian Meier haben einen Narzissmus-Test entwickelt, der aus einer einzigen Frage besteht. Er lässt sich in kaum 20 Sekunden bearbeiten. In seiner vollen Pracht liest er sich so:

"Ich bin ein Narzisst. (Hinweis: Ein Narzisst ist egoistisch, auf sich selbst konzentriert, eitel)." Wer diesen Satz erfasst hat, hat es schon fast geschafft – er muss nur noch auf einer Skala von eins bis sieben angeben, wie sehr diese Aussage auf ihn selbst zutrifft (Online-Version: http://tinyurl.com/ovsf54v).

Und was soll man sagen? Offenbar lassen sich Narzissten auf diese Weise recht zuverlässig erkennen. Zu diesem Schluss kommen Bushman, Konrath und Meier, nachdem sie ihre Single Item Narcissism Scale (SINS) mit dem NPI verglichen. In insgesamt elf Versuchen mit mehr als 2200 Teilnehmern überprüften die Wissenschaftler ihr Werk. Das Ergebnis: SINS gab sicher Auskunft über die allgemeine Ausprägung der Selbstverliebtheit.

Ein grandioses Selbstbild, das verteidigt werden muss

Traditionell beschreiben Psychologen Narzissten als Menschen, die ein grandioses Bild von sich haben, die sich selbst einzigartige Kompetenzen und Qualitäten zuschreiben. Diese Einschätzung ist jedoch unrealistisch – und muss deshalb gegen Kritik von anderen verteidigt werden. Für das Umfeld sind die Konsequenzen unangenehm: Narzissten reagieren auf negative Rückmeldungen äußerst empfindlich.

Interessanterweise konnten die amerikanischen Forscher mit ihrem kurzen Test unterschiedliche Seiten dieses Persönlichkeitsmerkmals erfassen. Wer der Aussage zustimmte, war sowohl sehr von sich überzeugt als auch verletzlich bei Ablehnung.

Warum reicht eine Frage aus?

Anders als ihre Mitmenschen sehen Narzissten ihre Selbstverliebtheit nicht als Problem. Genau deshalb funktioniert die Single Item Narcicissm Scale. Brad Bushman meint, wer seine Egozentrik frank und frei zugebe – sei aller Wahrscheinlichkeit auch wirklich ichbezogener als andere. Der Professor für Kommunikationswissenschaften und Psychologie an der staatlichen Universität von Ohio sagt: "Man kann Narzissten direkt danach fragen - gerade weil sie Narzissmus nicht als eine negative Eigenschaft betrachten." Denn sie glauben tatsächlich, anderen Menschen überlegen zu sein. Deshalb haben sie kein Problem damit, dies öffentlich auszusprechen.

Ausführlichere Fragebögen wollen Bushman, Konrath und Meier jedoch nicht überflüssig machen. Etablierte Verfahren wie das NPI böten viele Zusatzinformationen über die konkrete Ausprägung des Narzissmus der Befragten. Dies leiste der SINS natürlich nicht.

Johannes Künzel

Sara Konrath, Brian Meier, Brad Bushman: Development and validation of the single item narcissism scale (SINS). PLOS ONE, 9/8, 2014, e103469. DOI: 10.1371/journal.pone.0103469 (Volltext)
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