Ich hab’s mir anders überlegt!

06 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

Wann haben wir in einer wichtigen Sache die richtige Entscheidung getroffen? Wenn wir danach das Interesse an den Alternativen verlieren. Ob das der Fall sein wird, können wir vorher nie wissen. Deshalb versuchen wir, wenn es irgendwie geht, den Entscheidungen das Endgültige zu nehmen und Hintertüren offenzuhalten. Ausstiegsklauseln in all ihren Varianten gehören zum modernen Leben. Falls wir mit einem Arrangement nicht mehr zufrieden sind oder eine Entscheidung bereuen, geben sie uns die Freiheit, etwas Neues zu probieren. Und so steigen wir aus: aus einem Leasingvertrag, einer Mitgliedschaft, einer Ehe, einem Job …

Sich die Möglichkeit zum Austritt offenzuhalten heißt auch: Ich habe noch nicht, was ich wirklich will. Ich bin mir meiner wahren Bedürfnisse, Begierden und Wünsche nicht ganz sicher. Aber ist eine letzte Sicherheit überhaupt möglich? In seinem Buch Missing out. In praise of the unlived life (etwa: Verpasst. Lob des ungelebten Lebens) erklärt der britische Psychoanalytiker Adam Phillips, wie unsere Fantasie unablässig um das Leben kreist, das uns reizvoll oder erstrebenswert erscheint, das aber irgendwie nicht machbar ist. Im Grunde verhandeln wir ständig zwischen dem Lustprinzip (was wir gerne hätten) und dem Realitätsprinzip (was möglich, erlaubt, opportun ist). Auf vieles müssen oder sollten wir aus guten Gründen verzichten. Nicht alle mentalen Paralleluniversen, nicht alle Tagträume sind realisierbare oder gar erstrebenswerte Alternativen zum richtigen Leben. Aber sie bleiben ein unverzichtbarer Bestandteil unserer psychischen Wirklichkeit. „Es gibt nichts Verschlungeneres als die Beziehungen zwischen dem gelebten und dem ungelebten Leben“, schreibt Phillips.

Und doch hat sich das Gewicht zugunsten des Riskierens und Ausprobierens verschoben. Das Leben vieler Menschen gleicht heute einem Projekt oder besser: einer Serie von Projekten, die im weitesten Sinne der Selbstverwirklichung, der Statussicherung, der Lustmaximierung oder anderen Zielen dienen sollen. Auch unsere Beziehungen zu anderen Menschen nehmen immer mehr den Charakter von Projekten an. Und das Wesen eines Projektes ist, dass es zielorientiert und von vornherein zeitlich limitiert ist. 

So geraten wir in einen Zwiespalt: Einerseits sind wir in der hedonistischen Moderne immer wieder neu auf der Suche nach Selbstverbesserung und tauschen nur zu gerne das Gute gegen ein vermeintlich Besseres aus. Gleichzeitig fällt uns das Beenden, das Schlussmachen schwer, vor allem wenn es um Beziehungen geht (Seite 20). Denn selbst ein kleines Ende erinnert irgendwie an das große. Deshalb sind die schwierigsten Entscheidungen die, bei denen wir etwas aufgeben, vielleicht sogar verraten oder zerstören müssen. Denn bei aller Selbstverbesserungssucht kennen wir auch den Wert der Gewohnheit, des Ankommens und Bleibens, der Beharrung. Gerade in der beschleunigten Gesellschaft brauchen wir mehr denn je Dinge, die sich nicht ändern – und die wir nicht ändern wollen. Wir brauchen neben allen Projekten auch eine sichere Basis, wir brauchen zeitliche Plateauphasen, Bedenkzeiten, Fristen. Und einige Dinge im Leben müssen wir fixieren, ihnen also Gültigkeit, zumindest eine lange Laufzeit einräumen. Verlässlichkeit ist die Tugend, sich irgendwann eine abschließende Meinung bilden und dabei bleiben zu können.

Die zentrale Frage ist: Wann ist es Zeit für Beharrung, für Geduld, für die Segnungen des Status quo? Und wann ist es Zeit, auszubrechen und aufzubrechen? Wann schlägt Bleiben um in Stagnation und Dauerfrust? Bei diesen Abwägungen sind anhaltende Gefühle und wiederkehrende Tagträume gute Ratgeber – für das eine oder andere. Das gelebte Leben kann gelingen, wenn man lernt, mit sich selbst zurate zu gehen, in sich hineinzuhorchen, die Einflüsse und Ideen zu sortieren, den eigenen Wünschen und Sehnsüchten auf die Spur zu kommen – und dann zu entscheiden. Zu diesem Curriculum gehört auch, einige der eigenen Entscheidungen als final zu akzeptieren: Damit kann ich gut leben!

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