„Ich möchte lieber nicht …“

11 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

„Ich habe beobachtet, wie ein älterer, in sich ruhender Geschäftsmann das Labor betrat, er lächelte selbstsicher. 20 Minuten später war er nur noch ein zitterndes, stotterndes Wrack, kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Und doch gehorchte er bis zum Ende.“ Vor genau 50 Jahren hat der Sozialpsychologe Stanley Milgram an der Yale-Universität eine bahnbrechende Serie von Experimenten über den menschlichen Gehorsam begonnen. Die große Mehrheit seiner Versuchspersonen war bereit, anderen Menschen starke, sogar lebensgefährliche Stromstöße zu verpassen – als „Strafe“ für mangelhafte Leistungen bei einer Lernaufgabe. Und sie taten es, oft mit heftigen Skrupeln, aber letztlich doch ohne Widerspruch, weil der Versuchsleiter im weißen Kittel es so wollte. Die vermeintlichen Opfer waren Schauspieler, die ihre Rollen sehr überzeugend spielten, lautes Schmerzgebrüll und letales Wimmern inklusive.

Milgram wollte zeigen, dass die meisten Menschen sich bereitwillig fremden Autoritäten unterwerfen und dabei selbst unmenschlichen Anordnungen Folge leisten. Das dramatische Experiment wurde hundertfach und in vielen Ländern wiederholt – mit fast immer gleichem Ausgang: Zwei Drittel der Versuchsteilnehmer brachten es nicht fertig, nein zu sagen. Für Milgram war die Lehre aus diesen Versuchen: Situative Faktoren beeinflussen unser Verhalten meist stärker als irgendwelche Überzeugungen, Werte oder Charakterstärken, die wir zu besitzen glauben. Wir überschätzen uns systematisch selbst: Ich würde nie so etwas tun! Unsinn: Wir tun sehr oft, was „die Situation erfordert“ oder was vermeintliche Autoritäten von uns verlangen.

Manchmal schaffen wir es, zumindest im Kollektiv laut nein zu rufen – zum Beispiel als „Wutbürger“. Aber sonst unterwerfen wir uns alle tagtäglich irgendwelchen Forderungen und Sachzwängen („alternativlos“). Die scheinbar nicht abzuschlagende, in Wahrheit aber leicht unverschämte Bitte eines Freundes gehört zu diesen Zwängen ebenso wie die Zumutungen der vielen anonymen Mächte um uns herum – etwa „der Märkte“. Häufig merken wir nicht einmal mehr, dass wir vorauseilend gehorsam sind, obwohl wir etwas eigentlich nicht wollen.

Zwei zentrale Motive zerren an uns, von Kindheit an: das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach Autonomie. Da wir soziale Wesen sind, gewinnt im normalen Alltag meist das Motiv der Zugehörigkeit die Oberhand: Soziale Bindungen sind uns wichtiger als die unbedingte Durchsetzung der eigenen Interessen. Seine Autonomie immer und überall zu bewahren ist anstrengend, manchmal riskant – und kaum durchzuhalten. Also geben wir nach, verleugnen uns, schließen faule Kompromisse, verdrängen den aufkommenden Ärger durch Rationalisierungen: Es hat doch keinen Zweck, wegen dieser Sache einen Streit anzufangen, auf die Barrikaden zu gehen, eine Freundschaft zu gefährden. Wir sind, psychologisch betrachtet, eher habituelle Jasager als nervige Querulanten.

Aber das Nicht-nein-sagen-Können hat einen hohen Preis: latente Unzufriedenheit, unterdrückten Zorn, Erschöpfung. Die Zeitkrankheit Burnout, so erklären es uns Psychotherapeuten und Mediziner, resultiert aus der Unfähigkeit, Grenzen ziehen zu können: Bis hierher und nicht weiter! Wir müssen das Nein wiederentdecken – als Selbstschutz, als unser gutes Recht, als Quelle der Autonomie. Wie wir unser Nein „sozialverträglich“ vortragen oder, wie es heute im Werbeslang heißt: rüberbringen können, darüber informiert unsere Titelgeschichte. Es gibt vom „Ja, aber …“ über das „Jein!“ bis zum klaren „Kommt überhaupt nicht infrage!“ viele Abstufungen. Manchmal ist Klarheit wichtig, manchmal müssen wir vorsichtig formulieren. Geschichte und Literatur bieten uns eine Fülle von heroischen, gewundenen oder auch komischen Neinsagern: von Luther („… ich kann nicht anders!“) über Joseph Fischer („I am not convinced!“) bis zu Bartleby, dem Schreiber. Herman Melville schildert in der gleichnamigen Novelle 1853 ein Büro in der Wall Street, die sich gerade zum Weltzentrum des Geldhandels aufschwang. Der Schreiber Bartleby lehnt mit sanfter Beharrlichkeit alle Arbeiten und Aufträge seines Dienstherren ab, mit den berühmten Worten „Ich möchte lieber nicht!“ (I would prefer not to).  

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Barbara Sichtermann: Viel zu langsam viel erreicht

Über den Prozess der Emanzipation.
Zu Klampen, Springe 2017, 160 Seiten

18 €inkl. 7% MwSt.