Ich will mich aber aufregen!

11 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

Wann waren Sie zuletzt richtig wütend oder nachhaltig verärgert? Und, verzeihen Sie die Psychophrase: Was hat das mit Ihnen gemacht? Sind Sie ausgerastet und haben sich noch mehr Ärger eingehandelt? Haben Sie den Ärger unterdrückt oder unterdrücken müssen? Wie lange hielt der miese Zustand danach an? Ärgern Sie sich schnell – oder sind Sie eher ein „langsamer Brüter“? Und würden Sie sich als Teilzeit-Wutbürger bezeichnen, also als jemanden, der sich immer noch und immer wieder aufregt, frei nach Hamlet: über der Zeiten Spott und Geißel, des Mächtigen Druck, des Rechtes Aufschub, den Übermut der Ämter …

Wut ist anstrengend, und wer sich zu oft ärgert, wird krank. Wutausbrüche schaden außerdem dem Image. Kühl bleiben, klaren Kopf behalten, Contenance bewahren – wer wäre nicht gerne cool? Aber Coolness, das Verhaltensmuster demonstrativer Gelassenheit („mir doch egal!“), eignet man sich nicht so einfach an. Das Herunterkühlen heftiger Impulse ist die bevorzugte Psychotechnik von Menschen, die offen gezeigte Wut teuer bezahlen müssten: Minderheiten, Sklaven, Gefangene, Dissidenten. Inzwischen gilt cool auch als bürgerliche Tugend, als Zeichen von kopfgesteuerter Überlegenheit. Aber allzu cool ist auch nicht das Wahre: Wer jeden Ärger runterschluckt, wer sich nicht mehr aufregt, wird gleichgültig, resignativ oder zynisch. 

Grund zum Ärgern gibt es reichlich, und so stellen die Uncoolen überall die Mehrheit. Der Alltag wird von chronisch Verärgerten bevölkert, die immer wieder mit ihren Wutimpulsen zu kämpfen haben. Ärger ergreift vor allem dann von uns Besitz, wenn wir feststellen: Die Wirklichkeit ist nicht so, wie wir sie gerne hätten; unsere Erwartungen sind enttäuscht, unsere Grenzen verletzt worden. In größerem Maßstab werden heute religiöse, nationale, ethnische Wutkollektive zum Problem: Ganze Kulturen fühlen sich permanent beleidigt und leben ihre Ressentiments und Vergeltungswünsche aggressiv aus. Wir scheinen in ewigen Ärger- und Aggressionsspiralen gefangen zu sein. Deshalb gibt es immer wieder Versuche, die Wut zu ächten und zu eliminieren. Für den Buddhismus, für viele ohnehin die coolste Religion, ist Zorn neben Gier und Selbsttäuschung die Wurzel allen Übels und erzeugt schlechtes Karma. Die stoische Philosophie sieht Wut grundsätzlich als etwas Zerstörerisches und Entwürdigendes, das man im Keim ersticken sollte. Die Bergpredigt preist den totalen Wutverzicht: Die Welt soll den Friedfertigen gehören, die beide Wangen hinhalten. Und in der modernen Psychologie sind Ärgermanagement und Selbstkontrolle nicht ohne Grund zu den wichtigsten Themen avanciert. 

Und doch: Ärger und Wut mögen unangenehm sein. Aber  schon der erste und klügste Theoretiker eines ethisch und psychohygienisch fundierten Gefühlsmanagements, Aristoteles, sah im berechtigten Ärger auch die nützliche Kraft: Sie mobilisiere uns, Unrecht zu bekämpfen und für unsere Sache einzustehen. Für Aristoteles ist die entscheidende Frage: Was ist das rechte Maß? Wie viel Zorn müssen wir zeigen, um uns nicht selbst zu verleugnen? Kann man wütend sein, ohne dass Rachegedanken die Überhand gewinnen? Wie macht man seinen Ärger produktiv? 

Das Leben bietet nur wenige ärgerfreie Zonen. Und natürlich ist cholerisches Ausrasten ungesund und zerstörerisch. Aber unterdrückter Ärger wirkt wie Gift, er erzeugt Verbitterung und tötet allmählich jede Lebensfreude. Frauen konnten jahrhundertelang ihrem Ärger nicht Luft machen, und im Islam etwa ist es ihnen heute noch verboten. Aber auch im aufgeklärten Westen ist das Stummbleiben angesichts von Ärgernissen (self-silencing) nachweislich die Ursache für Depressionen und Autoaggressionen. Eine Rehabilitation des „gerechten Zorns“ und seines angemessenen Ausdrucks findet gerade statt: „Es ist noch niemand gestorben, nur weil er mal angebrüllt wurde“, sagt die Psychologin Heidi Kastner (Seite 24). Die neue Maxime im Umgang mit Wut und Ärger könnte heißen: Raus damit, aber schade dir nicht selbst dabei! 

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