Liebe Leserin, lieber Leser

03 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

„Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den anderen Satz, dass es vorwärts gelebt werden muss.“
(Søren Kierkegaard, dänischer Philosoph)

Was tut ein Mensch, der in Treibsand geraten ist? Natürlich, er will sich befreien. Er strampelt mit den Beinen, rudert mit den Armen – und bringt sich damit immer mehr in Schwierigkeiten. Ihm hilft nur eines: innehalten, sich ganz flach hinlegen und das Körpergewicht gleichmäßig auf der Treibsandfläche verteilen. So kann er langsam auf tragfähigeren Boden robben. 

Der Psychotherapeut Steven Hayes verdeutlicht an diesem Beispiel, welche Fehler Menschen oft machen, die mit belastenden Geschehnissen fertig werden wollen. Mit quälenden Fragen wie „Warum musste mir das passieren?“ oder „Warum hat man mir das angetan?“ suchen sie nach Erklärungen, hoffen auf eine Befreiung von der seelischen Last. Und erreichen das Gegenteil: Demütigungen, Kränkungen, Niederlagen, Fehler bleiben gerade dadurch in der Erinnerung lebendig. Der Versuch, das Erlebte „rückwärts“ zu erklären, verbaut ihnen die Chance, befreit „vorwärts“ zu leben (siehe Seite 18). 

Wenn wir versuchen, über Enttäuschungen und Kränkungen (oder auch eigenes Versagen) hinwegzukommen, machen wir einen grundlegenden Fehler: Wir sind zu nah dran. Wir hören die beleidigenden Worte des Freundes. Wir sehen sein verächtliches Gesicht. Wir spüren erneut die Demütigung, die Beschämung. Diese selbstzentrierte Art, über Zurückliegendes nachzudenken, hält uns in der Negativität gefangen, sagt der amerikanische Psychologe Ethan Kross.  

In seinen Experimenten forderte Kross seine Studienteilnehmer auf, innerlich zurückzutreten und eine kränkende Situation selbstdistanzierter – konkret: aus der Perspektive einer Fliege an der Wand – zu betrachten. Tatsächlich fielen die Reaktionen sachlicher und weniger ichbezogen aus. Statt über das Warum nachzugrübeln, ermöglicht die distanzierte Sichtweise eine neutrale Beschreibung: „Was ist geschehen?“ Der Freund, dessen Bemerkung uns gekränkt hat, war durch extreme Arbeitsüberlastung gestresst. Er hatte sich nicht unter Kontrolle. Das war nicht schön, ist aber verständlich …

Wenn man die fly on the wall-Perspektive einnimmt, gelingt eine kognitive Neubewertung der Situation. Das gesundheitlich so schädliche Grübeln wird vermieden, emotionale Turbulenzen halten sich in Grenzen. Nur ein Beleg dafür: Normalerweise steigt der Blutdruck, wenn man über kränkende Situationen nachdenkt. Selbstdistanzierung, so konnte Kross in einer seiner Studien zeigen, normalisiert ihn. 

Die verständliche Wut über eine Kränkung, das schmerzhafte Gefühl der Enttäuschung, die Rachefantasien – wir müssen das alles nicht aushalten. Wann immer wir in emotionalen Treibsand geraten, bietet die „Fliege an der Wand“-Methode einen befreienden Ausweg.

Ihre Ursula Nuber

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