Liebe Leserin, lieber Leser

12 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, tauchen sie wieder vermehrt in den Medien auf: die Bilder harmonischer Familien und glücklicher Paare. Für die Kampagnen zum Fest der Liebe scheinen den Kreativen in den Agenturen männliche oder weibliche Singles als Werbeträger ungeeignet. Sie könnten mit Einsamkeit assoziiert werden – wie „unsexy“. 

Alleinsein hat ein schlechtes Image – nicht nur unter Werbetreibenden. Dabei ist Going Solo, so der Titel eines Buches, das der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg verfasst hat, ein Megatrend unserer Zeit. In jedem dritten bundesdeutschen Haushalt lebt ein Mensch allein, in den Großstädten sind 40 bis 50 Prozent der Wohnungen nur von einer Person belegt. „Das Alleinleben ist – und zwar über alle Altersgruppen hinweg – ein fester Bestandteil der Lebenswirklichkeit in Deutschland“, fasst Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes, die Ergebnisse des letzten Mikrozensus zusammen: Gab es vor 20 Jahren 11,4 Millionen Alleinlebende, waren es 2011 schon 15,9 Millionen – Tendenz steigend.

Nicht jeder Single lebt freiwillig allein, aber in manchen Abschnitten eines modernen Lebens ist Ungebundenheit offenbar eine erstrebenswerte Option: Für junge Menschen kann sie eine Voraussetzung sein, um im Beruf Fuß zu fassen, einer kompetenten Frau ermöglicht sie den Schritt in eine Führungsposition, eine frisch geschiedene Person braucht das Alleinsein, um das eigene Leben neu zu ordnen, einem verwitweten Menschen gibt das Alleinsein nach vielen Jahren Ehe die Chance, sich nun auf sich und seine Bedürfnisse zu besinnen. Individuelle Freiheit entfalte sich nur in einem „äußeren und inneren Bereich der Einsamkeit“, so der Philosoph Herbert Marcuse, der sich ohne Räume der Einsamkeit auch keine freie Gesellschaft vorstellen konnte.

Natürlich: Allein Lebende kennen zwangsläufig Zeiten des Alleinseins. Nicht immer ist jemand abrufbar, um einem Gesellschaft zu leisten. Und nicht immer fällt es leicht, sich aufzuraffen und allein ins Kino oder in ein Lokal zu gehen. Gefühle der Einsamkeit und des Verlassenseins bleiben nicht aus. Doch solche Momente erleben nicht nur Singles; Situationen des Alleinseins können auch für Menschen, die in festen sozialen Bindungen leben, eine Herausforderung sein, die sie nicht immer gut bewältigen. 

Alleinsein zu können ist eine Kompetenz, an der es vielen Menschen mangelt, wie der im Mai 2015 verstorbene Philosoph Odo Marquard konstatierte. „Die eigentliche Malaise unserer Zeit ist nicht die Einsamkeit selber, sondern der Mangel an Einsamkeitsfähigkeit.“ Dem modernen Menschen fehle die Kraft zum Alleinsein; die Lebenskunst, Einsamkeit als positiv wahrzunehmen, sei kaum noch vorhanden. Auch Eric Klinenberg meinte in einem Interview: „Wir wissen gar nicht, wie Alleinsein geht. Den 60 Jahren, in denen das Alleinsein an Popularität gewonnen hat, stehen 200 00 gegenüber, in denen die Menschheit in Gruppen wohnte. Wir erleben gerade ein beispielloses gesellschaftliches Experiment.“ 

Sucht man nach einer positiven Begleitung dieses Experiments, wird man eher bei der Philosophie als bei der Psychologie fündig (Seite 18). Letztere sah bislang im Menschen in erster Linie ein Beziehungswesen und stufte einen Mangel an Bindung zu jedem Lebenszeitpunkt als problematisch ein. Doch zunehmend erforschen auch Psychologen die spannende Frage: „Was befähigt uns, mit uns selbst allein sein zu können?“ – und finden ermutigende Antworten (Seite 24). 

Ihre Ursula Nuber

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