Liebe Leserin, lieber Leser

04 / 2016 von:  Ursula Nuber
 

Die Leute wollen nicht mehr erwachsen sein, klagen Kulturkritiker. Kaum jemand möchte noch Verantwortung übernehmen und sich dem Ernst des Lebens stellen. Spaß haben ist das vorrangige Lebensziel. Auf den ersten Blick bestätigt sich diese Analyse: Ein weltweiter Jugendlichkeitskult hat sich ausgebreitet, sichtbar an der Kleidung, am Musikgeschmack, am Verhalten: Mütter unterscheiden sich kaum noch von ihren Töchtern, Väter geben sich als die besten Kumpels ihrer Söhne aus. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff bewertet diese Entwicklung als „reine Katastrophe“. Die Erwachsenen fielen in frühere Entwicklungsphasen zurück, sie regredierten, so Winterhoffs Diagnose. „Der kindliche Anteil der Psyche gewinnt wieder die Oberhand.“ Die Folge: „Die Fähigkeit, sich zu distanzieren, sich abzugrenzen und Frustrationen auszuhalten, geht verloren. Auch das, was einen Menschen zum Akteur macht, fehlt: die Lust an der Anstrengung.“ 

Unsere Fun-Gesellschaft mit ihren infantilisierenden Ablenkungs- und Zerstreuungsangeboten hat ganze Arbeit geleistet. Galten Freiheit, Selbständigkeit, Eigenverantwortung in früheren Generationen als erstrebenswerte Ziele, die man möglichst schnell realisieren wollte, wird Erwachsenwerden heute vor allem mit Verlust assoziiert. Als Erwachsener muss man seine Träume und Hoffnungen begraben, sich mit unangenehmen Dingen herumschlagen und dem Realitätsprinzip unterordnen. Schluss mit lustig! Die Soziologin Eva Illouz äußerte in einem Interview Verständnis für all jene, die „nicht in die graue Realität der Erwachsenen eintreten (wollen), in der es nur um Jobs in langweiligen Büros geht, das ewige Versagen, die steifen Familienfeiern“. 

In all dem Wehklagen über den Ernst des Lebens geht verloren, dass uns nichts Besseres passieren kann als das Erwachsenwerden. Schritt für Schritt unabhängig zu werden und sich von unreifen kindlichen Illusionen zu befreien, hält der Psychotherapeut Albrecht Mahr für ein Glück, wie er in der Titelgeschichte schreibt (Seite 24). Ähnlich argumentierte auch schon Ende der 1990er Jahre der Lyriker Robert Bly in seinem vielbeachteten Werk über Die kindliche Gesellschaft. Nur Menschen, die gerne erwachsen sind, die das „besondere Feuer“ dieser Lebensphase spüren und im Forever young kein attraktives Lebensmodell sehen, können den Jüngeren ein „respektables“ Vorbild sein und ihnen mit Überzeugung ins Erwachsenenleben hinüberhelfen. Die jüngere Generation hungert nach Wissen, sie will die noch unbekannten, ja auch dunklen Seiten des Lebens kennenlernen. Dafür braucht sie Erwachsene an ihrer Seite, die diesen Hunger überzeugend und Mut machend stillen können. 

Erwachsen werden heißt dem Leben gewachsen sein. Wäre das Erwachsenenalter eine Person oder eine Institution, könnte sie mit diesem Slogan hervorragend Werbung in eigener Sache machen und ihr Negativimage loswerden. So aber ist diese Lebensphase auf jeden einzelnen Erwachsenen angewiesen, der – gerne auch in Sneakers und Jeans – glaubwürdig die Werte und Vorteile dieser Lebensphase vorlebt. 

Ihre Ursula Nuber

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