Liebe Leserin, lieber Leser

07 / 2016 von:  Ursula Huber
 

Leben wir heute in einer besonders unsicheren Zeit, oder würden Sie sagen, vor 20, 30 Jahren war alles genauso unsicher?“ Diese Frage stellt das Institut für Demoskopie Allensbach regelmäßig einer repräsentativen Auswahl der deutschen Bevölkerung. Im Jahr 2011 waren 44 Prozent der Befragten der Ansicht: „Ja, die Zeiten sind unsicherer als früher.“ 2015 lag der Anteil der Verunsicherten schon bei 58 Prozent. Gesunken ist hingegen der Prozentsatz derjenigen, die mit Hoffnung in die Zukunft sehen: Zur Jahreswende 2014/15 waren noch 56 Prozent ­optimistisch, ein Jahr später blickten nur noch 41 Prozent zuversichtlich nach vorne. 

Zweifellos sind diese Daten vor allem von der Flüchtlingskrise beeinflusst. Die Deutschen sind
verunsichert, und das ist angesichts der radikalen Veränderungen durchaus verständlich. Denn der Mensch ist grundsätzlich kein Freund von Unsicherheit und Ungewissheit. Die Abneigung gegen das ­Unbekannte ist ein evolutionäres Erbe – das menschliche Gehirn rechnet immer mit dem Schlimmsten. Schließlich musste es in unendlich langen Zeiträumen vor allem als Gefahrensensor funktionieren: Feinde aller Art waren rechtzeitig zu entdecken und abzuwehren. Auch heute noch schlägt unser Gehirn in unvertrauten Lebenslagen Alarm – oder signalisiert zumindest: „Vorsicht!“ 

Wie stark wir darauf reagieren, ist individuell ­unterschiedlich und hängt natürlich auch von den Umständen ab. Sind diese in besonderer Weise verunsichernd – wie das gegenwärtig der Fall ist –, wird unser Bedürfnis nach „kognitiver Geschlossenheit“ größer. Vor 25 Jahren hat der Sozialpsychologe Arie Kruglanski das vielbeachtete Konzept need for closure vorgelegt, das er als das „Verlangen nach einer definitiven Antwort, irgendeiner Antwort anstelle von Verwirrung und Ambiguität“ beschreibt (Seite 18). In politisch unklaren Zeiten, in privaten oder beruflichen Umbruchsituationen schlägt deshalb immer die Stunde von „Experten“, deren einfache Antworten schnelle Beruhigung versprechen. 

Doch einfache Antworten liefern nur Scheinsicherheiten. Im Extremfall führen sie in die Irre und machen anfällig für autoritäre Ideologien. Bisweilen fördern sie sogar Gewalt, wie der Soziologe Wilhelm Heitmeyer in seinen Studien mit gewaltbereiten ­jungen Menschen zeigte. Oder sie veranlassen ­verunsicherte Bürger, bei Wahlen ihre Stimme extremen Parteien zu geben. 

Was uns in Zeiten der Verunsicherung wirklich vor unserem „katastrophischen Gehirn“ schützt, ist Ambiguitätstoleranz. Also die Fähigkeit, Unsicherheit nicht nur auszuhalten, sondern auch konstruktiv mit ihr umzugehen. Wer ambiguitätstolerant ist, neigt nicht zum Schwarzweißdenken und kann Widersprüche aushalten. Vor allem aber sieht er nicht nur die Risiken der Unsicherheit, ­sondern auch ihre Chancen: Wer sich ins „Unbekannt-Land“ wagt, macht unter Umständen spannende Entdeckungen. Auf jeden Fall entwickelt er sich weiter. 

Wer dagegen auf Nummer sicher gehen will, ­sollte wissen, woher diese Redewendung kommt: aus dem Gefängnis. Dort sind die Zellen numeriert, und wer dort eingesperrt ist, sitzt sicher. Wer heute schon wissen will, was morgen sein wird, lernt die Chancen der Unsicherheit nie kennen. Dafür ist er sicher. So sicher, wie man in einer Gefängniszelle nur sein kann.

Ihre Ursula Nuber

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