Liebe Leserin, lieber Leser

08 / 2016 von:  Ursula Nuber
 

Ist diese Angelegenheit einen Konflikt wert? Lohnt es sich, dafür einen Streit vom Zaun zu brechen? Wem bringt es was, wenn man den Mund aufmacht und Stellung bezieht? Besser schweigen, um des lieben Friedens willen? Dafür gibt es schließlich gute Gründe: 

„Weil das alles nicht hilft. Sie tun ja doch, was sie wollen.“ – „Weil ich mir nicht nochmals die Finger verbrennen will.“ – „Und warum immer ich? Keiner wird es mir danken.“ – „Weil man nie weiß, wie einem das schaden kann.“ – „Weil sich die Mühe nicht lohnt.“

Diese Zitate stammen aus dem Gedicht Gründe von Erich Fried. Der Lyriker hat unangenehm genau beobachtet, was Menschen durch den Kopf geht, wenn sie Stellung beziehen müssten. Die Aussicht, das gute Verhältnis zu anderen Menschen aufs Spiel zu setzen, die Harmonie zu stören, sich Kritik und Ablehnung einzuhandeln, verschließt so manchem den Mund oder lässt ihn – gegen die eigene Überzeugung – Zustimmung murmeln. „Der Mut zum Ich, der Mut, der Allgemeinheit seine eigene Position entgegenzusetzen, ist ungemütlich“, schreibt der Philosoph Mathias Jung. „Selbst in der eigenen Partnerschaft hält man oft das ‚Maul‘, weil man sich vor der Zugluft einer streithaften Auseinandersetzung fürchtet.“

Die meisten Menschen mögen keine Dissonanzen. Sie tun viel, damit es freundlich zugeht zwischen ihnen und den anderen. Frühe Erfahrungen spielen dabei sicher eine Rolle. Wer als Kind mit Liebesentzug oder Schlimmerem rechnen musste, wenn er die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllte, geht als Erwachsener eher auf leisen Sohlen. Doch es gibt noch ein weiteres Motiv, das der Sozialpsychologe Roy Baumeister als „das wohl stärkste Motiv des Menschen“ bezeichnet: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Jeder Mensch möchte Teil einer Gruppe, mit anderen in Verbindung sein. Das aber ist in der heutigen Zeit nicht so leicht zu befriedigen – die familiären Bindungen sind oft schwach, und Ausbildung oder Beruf zwingen zur beruflichen Mobilität. Stabile dauerhafte soziale Beziehungen sind zu einem raren Gut geworden. Da ist es verständlich, dass man schützen will, was man hat. Und sich darum bemüht, eine Person zu sein, mit der andere gerne zusammen sein wollen. 

Aber der verständliche Wunsch nach Harmonie hat seinen Preis: Er erzeugt Dissonanzen in einem selbst. Denn wenn man sich konträr zu seinen Überzeugungen verhält, entsteht ein unangenehmer Spannungszustand, den der Sozialpsychologe Leon Festinger als „kognitive Dissonanz“ bezeichnete. In der Regel versucht man, diese Dissonanz schnellstmöglich zu reduzieren – zum Beispiel indem man seine Wünsche und Vorstellungen aufgibt oder die eigenen Überzeugungen korrigiert und sie denen anderer anpasst. 

Mit anderen in Eintracht zu leben ist ein hehres Ziel; doch wer dafür auf die innere Harmonie verzichtet, hat nicht viel von derart geschützten Beziehungen. Zu viel Angst vor Dissonanzen hat auf Dauer nicht nur negative Auswirkungen auf die eigene Entwicklung und Gesundheit. Auch die Sehnsucht nach Zugehörigkeit bleibt ungestillt. Beziehungen ohne Auseinandersetzungen entwickeln sich nicht weiter, sie bleiben unverbindlich. Nur wenn eine offene und ehrliche Kommunikation möglich ist, in der auch Konflikte ihren Platz haben, lernt man einander wirklich kennen.

Ihre Ursula Nuber

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Barbara Sichtermann: Viel zu langsam viel erreicht

Über den Prozess der Emanzipation.
Zu Klampen, Springe 2017, 160 Seiten

18 €inkl. 7% MwSt.