Liebe Leserin, lieber Leser

09 / 2016 von:  Ursula Nuber
 

Aus heutiger Sicht würde man ihn als gut vernetzten, äußerst populären und wohlhabenden Manager bezeichnen: Der Philosoph Augustinus (354–430 n. Chr.) war in der Spätantike ein begnadeter, einflussreicher Redner. Doch sein Erfolg machte ihn nicht glücklich. Das Gefühl, dass es mehr geben müsse, das Gefühl des Mangels trieb ihn an. „Ich lechzte nach Ruhm, nach Einkommen, nach einer Heirat“, schrieb er in seinen berühmten Bekenntnissen. „Ich litt in solchem Begehren die bitterste Not.“ Gleichzeitig aber war ihm bewusst, dass er auf Ruhm und Ehre zugunsten von mehr Zufriedenheit nicht verzichten wollte. Augustinus befand sich in einem schwer auflösbaren Dilemma, wie Hartmut Leppin, Professor für Alte Geschichte an der Universität Frankfurt, in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (26. . 6) schrieb: „Seinen Erfolg erlebte er als Scheitern auf der Suche nach dem Glück.“

Dieses Dilemma des Philosophen mutet sehr modern an. Das Glück besitzt im Lebensplan der meisten von uns zwar einen hohen Stellenwert, wenn es aber darum geht, dieses Ziel im Alltag zu verwirklichen, verschwindet es schnell vom Radar. Wir jagen anderen Dingen nach, von denen wir hoffen, dass sie indirekte Wege zum Glück sind: Geld, Macht, Status, Ansehen, Erfolg, Schönheit – so als wäre es unmöglich oder unanständig, das Glück selbst anzustreben. Erreichen wir dann manche oder vielleicht sogar alle unserer vermeintlichen „Glücksbringer“, wundern wir uns über eine immer wieder auftauchende Unzufriedenheit. „Eigentlich geht es mir doch gut, warum bin ich nicht glücklicher?“, dieser Gedanke dürfte vielen nicht fremd sein. Der Wirtschaftswissenschaftler Raj Raghunathan nennt dieses Phänomen das „fundamentale Glücksparadox“. Es sei auch und gerade bei solchen Menschen wirksam, die vermeintlich beste Voraussetzungen fürs Glücklichsein mitbringen: Die Klugen und Erfolgreichen verzetteln und verlaufen sich besonders häufig bei der Suche nach dem Glück (siehe Titelgeschichte Seite 18). 

Bereits Anfang der 1970er Jahre legte der Ökonom Richard Easterlin Umfrageergebnisse aus 19 Ländern vor, die zeigen: Die durchschnittliche Zufriedenheit der Menschen nimmt nicht zu, wenn das Wirtschaftswachstum in ihrem Land steigt.  Sind grundlegende Bedürfnisse gestillt, bringt mehr Reichtum nicht mehr Glück. Ein Ergebnis, das Easterlin in Nach-folgestudien immer wieder bestätigen konnte. Möglicherweise war der vierte König von Bhutan von dieser Erkenntnis beeinflusst, als er feststellte: „Das Bruttonationalglück ist wichtiger als das Bruttoinlandsprodukt.“

Auch wenn wir längst verinnerlicht haben, dass materielle Dinge uns auf Dauer nicht glücklich machen, streben wir unablässig weiter nach äußerem Erfolg, Geld und Status – oft aus der Angst heraus, noch nicht genug von alledem zu haben. Dieses Gefühl des Mangels entbehre meist nicht nur jeder Grundlage, so Raj Raghunathan, sondern mache uns regelrecht glücksblind. 

Augustinus veränderte sein Leben radikal. Er fand seine Bestimmung im christlichen Glauben und zog sich zu philosophischen Studien zurück. Auch wenn er später als Bischof erneut Karriere machte und viele Misserfolge und Niederlagen einstecken musste, wie Hartmut Leppin schreibt, spricht „das verzweifelte Gefühl des Scheiterns im Erfolg nicht mehr aus jenen Texten, die er nach der Bekehrung verfasste“.

Ihre Ursula Nuber

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