Liebe Leserin, lieber Leser

04 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

Der astronomische Frühlingsanfang fällt in diesem Jahr auf den 20. März. Die meisten Menschen sehnen dieses Datum herbei, markiert es doch das Ende einer trüben Jahreszeit und vermittelt Aufbruchstimmung. „Alles Leid entflieht auf Erden / Vor des Frühlings Freud’ und Lust / Nun, so soll’s auch Frühling werden / Frühling auch in unsrer Brust!“ 

Doch nicht jedem wird es so froh ums Herz wie dem Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Im Gegenteil: Depressiven Menschen geht es jetzt oft noch schlechter als in den dunklen Wintermonaten. Im Frühling, wenn alle nach draußen drängen, wird ihnen bei all der Lebenslust ringsum ihr eigener Mangel an Freude besonders schmerzlich bewusst. 

Nach aktuellen Zahlen der Techniker-Krankenkasse sind viele Menschen betroffen. Demnach war im Jahr 2013 statistisch gesehen jeder erwerbstätige Deutsche einen Tag wegen depressiver Störungen am Arbeitsplatz krankgeschrieben. Und obwohl die Krankheit Depression inzwischen gut erforscht ist und wirkungsvolle Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen, sind die Fehlzeiten im Zeitraum von 2000 bis 2013 um 70 Prozent gestiegen. Ein Ende dieser Entwicklung scheint nicht in Sicht: Nach Schätzungen der WHO werden affektive Störungen im Jahr 2020 weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein. 

Was ist da los? Warum verlieren immer mehr Menschen ihre Lebensfreude und ihren Lebensmut? Erklärungen dafür gibt es viele, einer davon stimmen inzwischen alle Experten zu: Der Stress des modernen Lebens wird einhellig als Depressionsauslöser gesehen. Das „erschöpfte Selbst“, so der Soziologe Alain Ehrenberg, kapituliert vor der Aufgabe, flexibel auf sich ständig verändernde Lebensbedingungen reagieren zu müssen.

Wer spürt: „Ich schaffe es nicht, ich werde den Ansprüchen nicht gerecht“, kann sich allerdings nicht – wie zum Beispiel ein Grippekranker – selbstverständlich eine Auszeit gönnen. Im Gefühlskanon unserer Gesellschaft ist Sich-schlecht-Fühlen nicht vorgesehen. Ein gelingendes Leben kennt keine Niedergeschlagenheit oder gar depressive Stimmungen. Sollten doch mal solch unerwünschte Gefühle auftauchen, möchte man sie umgehend vertreiben.

Möglicherweise liegt hier ein Grund für die Zunahme der klinischen Depression. Wer glaubt, negative Emotionen wie Angst und Traurigkeit unbedingt bekämpfen zu müssen, verschlimmert die Situation. Aus einer ganz normalen Verstimmung kann dann eine chronische Niedergeschlagenheit werden – und aus dieser eine Depression. So hat die Psychologin Iris Mauss von der University of Califonia, Berkeley herausgefunden: Je wichtiger einem Menschen das Ziel „Glück“ ist, umso höher ist das Risiko, unglücklich zu werden. Umgekehrt gibt es Hinweise darauf, dass Menschen, die negative Gefühle als zum Leben gehörend tolerieren, weniger depressionsgefährdet sind.

Graue Tage sind keine verlorenen Tage. Niedergeschlagenheit und depressive Stimmungen können eine wichtige Anpassungsreaktion an Überlastungssituationen sein. Kurz: Zu einem glücklichen Leben gehört auch das Unglücklichsein, wie Wilhelm Schmid auf Seite 26 ausführt. Alle Facetten des Schlecht-drauf-Seins sind, so der Philosoph, „eine Art und Weise des menschlichen Seins, die wesentlich zur Existenz des Menschen gehört“. 

Ihre

Ursula Nuber

 

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