Liebe Leserin, lieber Leser

12 / 2016 von:  Ursula Nuber
 


„Was ist Heimat?“ – Artikel im ZEITmagazin vom 29. September 2016 


„Was macht Heimat aus? Wo bin ich zu Hause, wo gehöre ich hin?“ – Veranstaltung auf dem diesjährigen Münchner Tollwood-Winterfestival


„Heimat. Eine Grenzerfahrung“ – Ausstellungsprojekt im Zeughaus Lenzburg (Schweiz) ab März 2017

Heimat ist wieder Thema. Lange Zeit als rückwärtsgewandt und spießig eingestuft, rückt es plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses. Das ist natürlich kein Zufall. Die Flüchtlingsströme der vergangenen Monate drängen uns die Frage nach der Bedeutung von Heimat geradezu auf. Die verzweifelten neuen Heimatlosen machen uns nicht nur die „Relativität der an den Boden geknüpften Gewissheiten“ (Zygmunt Bauman) deutlich, sie sensibilisieren uns auch für eigene Entwurzelungserfahrungen und die unter Umständen lange verdrängte Frage: „Wo ist eigentlich meine Heimat, wo bin ich zu Hause?“ 

Empirische Studien belegen, dass für die meisten Menschen die Vorstellung von Heimat vor allem mit Orten verbunden ist – meist Orten, die sie irgendwann verlassen haben. Die mobile, flexible Welt bringt eine neue Form von Heimatlosigkeit mit sich. „Bis in die 1970er Jahre galt es als verwerflich, nicht sesshaft zu sein. Wer ohne festen Wohnsitz war, wurde als defizitär betrachtet. Inzwischen hat sich das geradezu umgekehrt: Wer immer am selben Ort klebt, wird stigmatisiert. Es wird erwartet, dass Menschen bereit sind, für den Job umzuziehen“, erklärt der Soziologe Hartmut Rosa und warnt vor einem Identitätsverlust. Viele Menschen hätten kein persönliches Verhältnis mehr zu ihrem Wohnort, das stabilisierende Gefühl, „verortet“ zu sein, gehe zunehmend verloren. Aussagen wie „Ich arbeite eigentlich nur in A., zu Hause bin ich da nicht“ oder „Ich fühle mich hier im Süden als Norddeutsche wie im Exil“ sind ein Indiz dafür, dass so mancher an „seinem“ Ort nicht verwurzelt ist. Heimat wird zu einem Sehnsuchtsort, der entweder nur selten besucht wird oder vielleicht sogar ganz verloren ist.

Doch man sollte Heimat nicht verklären, warnt der Philosoph Christoph Türcke (siehe Interview Seite 25). Denn das Vertraute ist nicht unbedingt immer gut. Besser ist, sich den realen Ort, an dem man lebt, anzueignen. Heimatgefühle entwickeln sich, wenn wir über unseren Lebensmittelpunkt identitätsstiftende Geschichten erzählen können. „Der Zusammenhang zwischen der eigenen Person und der eigenen Umgebung muss immer wieder narrativ hergestellt werden“, erklärt Beate Mitzscherlich, Heimatexpertin und Professorin an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Das bedeutet: Wir brauchen Geschichten, die uns und anderen verständlich machen, warum wir dort leben, wo wir leben.

„Heimat ist vor allem auch ein erzählter Raum“, so Mitzscherlich. Um eine plausible Erzählung zu finden, müssen wir uns allerdings mit unserer Umgebung auseinandersetzen und bereit sein, sie besser kennenzulernen. Es geht darum, ein commitment einzugehen: Stellen wir uns offensiv hinter die Entscheidung, die uns an diesen Ort gebracht hat, können wir ihn lieben lernen.

Ihre Ursula Nuber

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele

Psychogramm einer überforderten Gesellschaft
gebunden, 256 Seiten, oekom Verlag, 2017

22,00 €inkl. 7% MwSt.