Liebe Leserin, lieber Leser

02 / 2017 von:  Ursula Nuber
 

Ordnung ist das halbe Leben. Von Kindheit an begleitet uns dieser Satz, der zum Aufräumen und Ordnen anhält und für ein schlechtes Gewissen sorgt, wenn es mal wieder aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. 

Diese frühe Weichenstellung ist wohl ein Grund dafür, dass wir eine sich eigentlich aufdrängende Frage nicht stellen: Wenn Ordnung das halbe Leben ist, was ist dann mit der anderen Hälfte? Wenig beachtet, bleibt dieser oft nichts anderes übrig, als sich scheinbar gegen unseren Willen immer wieder in unser Leben zu schleichen. Kleine oder größere Schlampereien durchkreuzen dann unsere mühsam geschaffene Ordnung. 

Der Kognitionspsychologe Daniel Levitin illustriert dieses Phänomen am Beispiel des Ordnungsprinzips Schublade. Wohl in nahezu jedem Haushalt existiert mindestens eine, in der Chaos herrscht: ein alter Schlüssel, von dem niemand mehr weiß, in welches Schloss er passt; ein Feuerzeug, das längst seinen Geist aufgegeben hat; unzählige Gummibänder, Büroklammern, eine Korkensammlung; Batterien, eine Gebrauchsanweisung für die Mikrowelle und so weiter. Diese Schubladen (wahlweise auch verwühlte Fächer im Kleiderschrank oder völlig zugemüllte Schreibtische) sind ein Indiz dafür, dass wir erst dann „ganz“ sind, wenn wir beide Hälften zulassen: Ordnung und Chaos. Wer immer nur ordentlich ist, läuft Gefahr, pedantisch und zwanghaft keinen Platz zu lassen für Neues, für Kreativität und Veränderung.

Das belegen neue Studien (Seite 18), aber auch die „aufgeräumten“ Bilder des Schweizer Künstlers Ursus Wehrli. Er bringt Ordnung in berühmte Gemälde, in Fotos oder in einen Tannenzweig. Seine Aufräumaktionen zeigen, wieso Ordnung, wenn sie Selbstzweck ist, sich lächerlich macht und die Kreativität tötet.

Ordnung kann nicht nur langweilig sein, sie hat auch eine gefährliche Seite: nämlich dann, wenn sie dazu dient, mit Unsicherheit fertigzuwerden. Wer sich von reaktionären „Ordnung muss sein!“-Parolen angezogen fühlt und Politiker wählt, die die „alte Ordnung“ wiederherstellen wollen, sehnt sich zurück in eine vermeintliche Idylle, deren Hauptmerkmal eine trügerische Übersichtlichkeit ist: wo alle wieder wissen, wo ihr Platz ist.

Ob in privaten Schubladen oder im öffentlichen Raum: Es gibt gute Gründe, die unordentliche Hälfte des Lebens nicht zu vernachlässigen. „Ich bin interessiert an allem, was mit Revolte, Unordnung, Chaos zu tun hat“, sagte der viel zu früh verstorbene Jim Morrison, Frontmann der Rockgruppe The Doors. „Das scheint mir die Straße zur Freiheit zu sein.“

Ihre Ursula Nuber

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