Liebe Leserin, lieber Leser

06 / 2017 von:  Ursula Nuber
 

Jeden Monat erlebe ich ein kleines Wunder. Ich sitze dann für etwa zwei Stunden ganz still, ­denke nicht an dies oder das, sondern ­beobachte konzentriert ein großes Orchester und lausche gebannt der Musik. Wie mir geht es auch den meisten anderen Konzertbesuchern, die sich dank eines Klassikabonnements regelmäßig in die Welt von Brahms, Mahler oder Schubert versenken. Manchmal lauschen diese vielen Menschen so aufmerksam, dass man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören könnte. 

Diese Massenkonzentration bezeichne ich deshalb als Wunder, weil es uns im Alltag nur schwer gelingt, uns fokussiert auf etwas einzulassen – einen Menschen, ein Gespräch, ein Buch, eine Aufgabe. Wir bleiben selten länger bei einer Sache. Stattdessen ­wandert unsere Aufmerksamkeit umher, springt von ­einem Punkt zum anderen, und das sorgt dafür, dass wir die Dinge, die wir uns vornehmen, nicht wie gewünscht zu Ende bringen. 

Die Ursache dafür ist längst entdeckt: Schuld an diesem Phänomen ist eine „Welt voller Ablenkungen“, schreibt Cal Newport, Juniorprofessor für Computerwissenschaften an der Georgetown University in Washington. In seinem aktuellen Buch Konzentriert arbeiten (Redline 2017) macht er – wie viele ­andere Experten – die modernen Kommunikationsmittel dafür verantwortlich. Sie fragmentierten unsere Aufmerksamkeit „in winzige Scheibchen“ und verleiteten (oder zwängen) uns dazu, mehrere ­Dinge gleichzeitig zu tun. Das gefällt einerseits unserem Gehirn, denn es hat eine Vorliebe für Neues, andererseits aber ist es für zu häufiges und zu schnelles Hin und Her nicht ausgelegt. „Unsere Gehirne haben sich in einer viel einfacheren Zeit entwickelt, in der weit weniger Informationen auf uns zukamen“, stellt der Neurowissenschaftler Daniel J. Levitin fest. Bereits in den 1950er Jahren hat der Psychologe ­George Miller die Aufmerksamkeitsspanne so definiert: Sieben (plus oder minus zwei) Informationseinheiten sind das obere Limit. Neuere Forschungsergebnisse gehen sogar nur von vier Einheiten aus. Das bedeutet: Nur vier Sinneinheiten, nur vier Passagen eines Textes, vier Aspekte einer Idee können wir in einer zeitlichen Sequenz aufmerksam aufnehmen. Alles, was darüber liegt, verbraucht zu viel Energie, die dann für das, was man eigentlich erledigen möchte, fehlt.

Gegen dieses Gesetz der Aufmerksamkeit ­verstoßen wir ständig. Zum Beispiel wenn wir uns von SMS, Mails, WhatsApp-Nachrichten und so ­weiter zu sofortigen Reaktionen verleiten lassen. In der ­Arbeitswelt führt das zu Leistungs- und Qualitätsminderung, weil die Arbeitnehmer nach jeder Unterbrechung zunehmend mehr Zeit brauchen, um die unterbrochene Tätigkeit wieder aufzunehmen. Wirklich erfolgreich seien daher nur die wenigen, die deep work beherrschen, also ihre Aufgaben „in einem ­Zustand ablenkungsfreier Konzentration“ ­ausüben, stellt Cal Newport fest. 

Es wird also höchste Zeit für Gegenstrategien. ­Unser Gehirn kann sich konzentrieren, aber diese Fähigkeit müssen wir heute wie einen Muskel trainieren. Zum Beispiel mit Meditation: Sie ist nicht nur eine Entspannungsmethode, wie neue Studien zeigen, sondern stärkt auch unsere Konzentration. Wichtig ist, die jeweils individuell richtige Strategie zu finden. Für meinen Geist jedenfalls ist der ­Konzertsaal das beste Fitnessstudio. 

Ihre Ursula Nuber

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