Liebe Leserin, lieber Leser

09 / 2017 von:  Ursula Nuber
 

Die Journalisten kamen aus Südkorea und hatten großformatige Fotos vom Präsidentschaftskandidaten mitgebracht. „Wer wird wohl die Wahl gewinnen?“, fragten sie Alexander Todorov, Professor für Psychologie an der Princeton University. Der war über das Ansinnen nicht erstaunt. Zwar sei er kein Wahrsager, schreibt er in seinem aktuellen Buch*, aber eine Reihe von Studien habe ihn als „Gesichterleser“ bekanntgemacht. In diesen Arbeiten konnte er nachweisen, dass sich allein vom Gesichtsausdruck eines Politikers ziemlich verlässlich dessen Wahlchancen vorhersagen lassen. Bereits ein nur wenige Sekunden dauernder Blick auf ein Foto gibt Betrachtern danach ausreichend Informationen, um ein Urteil zu fällen. „Wir müssen nicht nachdenken“, sagt Todorov, „wir sehen.“

Dass wir intuitiv auf Gesichter reagieren, erklärt Todorov mit der Faszination, die Gesichter von Geburt an auf uns ausüben. Als Beleg dafür zitiert er eine Studie der Wissenschaftlerin Carolyn Goren. Sie zeigte Babys wenige Minuten nach der Geburt Bilder von konkreten und abstrakten Gesichtern (siehe Abbildungen) und beobachtete genau ihre Kopf- und Augenbewegungen. Die stärkste Anziehungskraft auf die Neugeborenen hatte ganz klar das nicht veränderte Gesicht. Durch diese von Geburt an vorhandene Attraktivität von Gesichtern entwickelte sich ein komplexes Netzwerk von Hirnregionen, das ausschließlich dazu diene, Gesichter zu erkennen und ihre soziale Aussagekraft zu erfassen, erklärt Todorov.

Auf den ersten Blick zu erkennen, ob jemand unser Vertrauen, unsere Freundschaft, unsere Liebe verdient – dieser Wunsch ist nicht neu. Im 19. Jahrhundert stützte sich so manches Urteil über den Charakter eines Menschen auf die pseudowissenschaftliche Lehre der Physiognomie. An Kopfform, Stirnhöhe, Mundbreite oder Nasenformat wollte man Eigenschaften wie etwa Willenskraft und Intelligenz ablesen. Diese Charakterkunde ist wissenschaftlich längst ad acta gelegt. Doch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft könnten dazu verführen, der Pseudolehre neuen Aufschwung zu geben. Aber Vorsicht! Während die Anhänger der Physiognomie glaubten, dass das Gesicht die wahren Eigenschaften eines Menschen offenbare, verweisen die heutigen Wissenschaftler darauf, dass es vom jeweiligen Betrachter abhängt – von seiner Kultur, seiner persönlichen Geschichte, seiner Erfahrung –, wie er auf ein Gesicht reagiert. Deshalb sollten wir uns immer bewusst sein, dass wir, wann immer wir einen Menschen spontan bewerten oder ihn in eine Schublade stecken, „zu viel aus zu wenig Informationen“ machen, wie Alexander Todorov schreibt. „Wenn es um den Charakter geht, liefern Gesichter nur sehr schwache Signale.“

Auf den ersten Blick können wir also nicht erkennen, wie ein Mensch tickt. Das erfahren wir erst, wenn wir genauer hinschauen und nachfragen: Welche Ansichten vertritt dieser Menschen, welche Werte gelten für ihn, wie geht er mit anderen um? Die inneren Werte eines Menschen verrät uns der erste Eindruck nicht.

*Alexander Todorov: Face value. The irresistible influence of first impressions. Princeton University Press, New Jersey 2017 

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