Liebe Leserin, lieber Leser

05 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

„Hermann, was machst du da?“ „Nichts. Ich mache nichts.“ „Gar nichts?“ Berta kann es nicht fassen. Ihr Ehemann Hermann will einfach nur nichts tun. Auf ihre Vorschläge, wie er die Zeit nutzen könnte – lesen oder spazieren gehen –, antwortet er stoisch: „Ich möchte hier sitzen.“

Loriots Sketch wirkt wie ein Konzentrat der inzwischen zahlreich vorliegenden psychologischen und soziologischen Abhandlungen über ein großes Übel unserer Zeit: Die Hektik des Alltags macht es den meisten Menschen schier unmöglich, die Füße stillzuhalten, die Hände in den Schoß zu legen, mal fünfe gerade sein zu lassen. Nichtstun, das geht gar nicht. Schließlich bekommen nur Leistende jenes Maß an Anerkennung, das ihnen das Gefühl gibt, wirklich vollwertige Mitglieder der erfolgsorientierten Gesellschaft zu sein. Aktivität ist hoch geschätzt, Passivität wird mit unproduktivem Stillstand assoziiert.

Doch allmählich verändert sich die Stimmung. Weil immer mehr Menschen „nicht mehr können“, weil Burnout längst nicht mehr nur die Krankheit der Leistungseliten ist, wird der Wert des Innehaltens zunehmend erkannt. Zahlreiche Buchveröffentlichungen belegen den Bedarf: Anleitung zum Müßiggang, Muße: Vom Glück des Nichtstuns, Einfach liegen lassen – so oder so ähnlich lauten die Handlungsanweisungen. Auch Unternehmen, die um die Ressource Mensch bangen, empfehlen ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen regelmäßige Auszeiten. So verordnete beispielsweise der Chiphersteller Intel seinen Angestellten eine „Phase der Stille“: Jeden Dienstag sollten sie vier Stunden lang ihre Computer ausschalten und ein Schild „Bitte nicht stören“ an ihre Bürotür hängen. Ziel der Aktion: kreativere Ideen. Der Erfolg war durchschlagend.

Ist es das, worum es geht? Dass die Mäuse im Laufrad mal innehalten, nur um danach noch kreativer und produktiver zu strampeln? „Es reicht keinesfalls, auf die gesellschaftlich geforderte Hyperaktivität und ihre Ideale wie Eigeninitiative, Flexibilität und Kreativität lediglich mit einem Plädoyer für Unterbrechung, Zwischenzeit und Verlangsamung zu reagieren“, kritisiert die Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Kathrin Busch in ihrem Essay Passivität (Textem-Verlag 2012). Wenn das Nichtstun einem nützlichen Zweck dienen soll und zu einem weiteren Termin im Kalender wird, gerät man „nicht aus dem Zirkel der Ansprüche der Selbstverbesserung und Kompetenzsteigerung heraus“. 

Bedingungsloses Nichtstun dagegen ist weit mehr als nur eine Maßnahme, um wieder zu Kräften zu kommen. Es bewirkt einen Schwebezustand, in dem das Gehirn auf ganz besondere Weise aktiv werden kann, wie Wissenschaftler herausgefunden haben (Seite 18). Jetzt kann es Wesentliches von Unwesentlichem trennen, kann sich mit Fragen und Wünschen befassen, die einen schon lange beschäftigen, kann klären, was man wirklich will. Für eine gewisse Zeit ruht die Fremdbestimmung, ein „Lichtspalt des Möglichen“ tut sich auf, so Kathrin Busch. 

Ist das der Grund, warum Berta ihren Hermann unbedingt aktivieren will? Möglicherweise fürchtet sie, ihr Mann könne sich durch das Nichtstun auf subversive Weise einen Freiraum schaffen, in dem er jeglicher Fremdbestimmung, also auch ihres Zugriffs, enthoben ist …

Ihre
Ursula Nuber

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