Liebe Leserin, lieber Leser

10 / 2017 von:  Ursula Nuber
 

"Ich kann mit jedem. Die Menschen mögen mich, und wissen Sie was? Ich bin sehr erfolgreich; ­jeder liebt mich.“

„Mein Vater hat mich immer gelobt. Er dachte immer, dass ich der klügste Mensch bin.“

„Meine Finger sind lang und schön, ebenso wie es – das ist gut belegt – andere Teile meines Körpers sind.“ 

Wahrscheinlich müssen Sie nicht lange raten, wer hier in den höchsten Tönen von sich spricht. Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten, ist inzwischen bekannt für sein übergroßes Ego. Er gilt vielen als der Prototyp eines extremen Narzissten. Nicht zuletzt deshalb, weil eine Gruppe US-amerikanischer Psychiater und Psychologen ihn in einem offenen Brief an die New York Times als „narzisstische Persönlichkeit“ diagnostizierte und seine geistige Gesundheit infrage stellte. Damit lehnten sich die Experten allerdings ungebührlich weit aus dem Fenster. Denn seit 1964 der damalige Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater durch psychiatrische Ferndiagnosen („Paranoia“, „Narzissmus“) zu Fall gebracht wurde, verlangen die Fachverbände von ihren Mitgliedern Zurückhaltung. Die American Psychiatric Association formulierte 1973 die „Goldwater-Regel“, wonach es als unethisch gilt, über den Gesundheitszustand einer öffentlichen Person zu spekulieren. 

Eine derartige Regel könnten wir inzwischen auch für den Umgang miteinander gebrauchen. Denn allzu oft betreiben wir armchair psychology (Psychologie aus dem Lehnstuhl), indem wir unsere Mitmenschen mit psychiatrischen Etiketten versehen. Wenn uns etwas stört, wir uns ungerecht behandelt fühlen oder das Verhalten eines anderen nicht verstehen, sind wir mit ungeprüften Urteilen schnell bei der Hand. Dann sehen wir uns von „Neurotikern“, „Borderlinern“ oder „Psychopathen“ umzingelt. Besonders häufig zum Einsatz kommt in den letzten Jahren die Diagnose: „Du bist ein Narzisst!“ Seit die US-Wissenschaftler Jean M. Twenge und Keith Campbell in einer Langzeitstudie festgestellt haben wollen, dass das „Narzissmusvirus“ immer mehr Menschen infiziert (The Narcissism Epidemic, 2009), scheint die Zahl extrem narzisstischer Menschen tatsächlich gestiegen zu sein. Glaubt man den zahlreichen Veröffentlichungen, leben wir in einer von Narzissten geprägten Gesellschaft, deren Symbol der Selfie-Stick ist (auch narcistick genannt). 

Von der Hand zu weisen ist diese Einschätzung natürlich nicht. Der Narzissmus hat zugenommen – vor allem in Gesellschaften, in denen Menschen, losgelöst von Traditionen und Halt gebenden Gemeinschaften, ihren Weg allein machen müssen. Individualismus fördert Bindungslosigkeit. Und Bindungslosigkeit fördert das Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Dieses schmerzhafte Gefühl wiederum muss in Schach gehalten werden, indem man nach Bestätigung für den eigenen Wert sucht. Insofern sind wir alle zwangsläufig Narzissten. Jeder von uns, ohne Ausnahme, will spüren, dass er von Bedeutung ist. 

„Jemanden als narzisstisch zu bezeichnen ist nur ein billiger Angriff, der nichts erklärt, auch wenn der Betreffende narzisstische Verhaltensweisen zeigt“, sagt der Psychoanalytiker Nathan Schwartz-Salant. Es scheint an der Zeit für einen Perspektivwechsel. Statt uns um den zunehmenden Narzissmus zu sorgen, sollten wir uns um das Phänomen kümmern, das sich hinter ihm verbirgt: den immer häufiger unerfüllt bleibenden Wunsch von Menschen, in ihrer Besonderheit von anderen gesehen zu werden.

Was Donald Trump angeht: Menschen, die wie er ihre Macht missbrauchen, müssen wir nicht psychologisch verstehen, sondern politisch bekämpfen. 

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