Liebe Leserin, lieber Leser

06 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

Zwei Monate sind vergangen, seit die Germanwings-Maschine, Flug 9525, in den französischen Alpen zerschellte und 150 Menschen in den Tod riss. Wohl jeder hat tieferschüttert und fassungslos die Berichterstattung in den Medien verfolgt, in der Hoffnung, dass Informationen das Unbegreifliche irgendwie begreiflich machen. Vor allem als bekannt wurde, dass der 27-jährige Kopilot die Maschine willentlich zum Absturz gebracht hat, war der Erklärungsbedarf groß, und es schlug die Stunde der Experten. Einige davon konnten sich der medialen Aufforderung zu Spekulation und Ferndiagnosen nicht entziehen: Manches, was über die Nachrichtenticker, in Talkshows und Tageszeitungen verbreitet wurde, war oberflächlich, reißerisch und zeichnete ein Bild psychischer Krankheit, das Betroffene stigmatisiert. Wer mag sich noch als depressiv outen, wenn zum Beispiel in der Talkshow hart aber fair unter dem bedrohlich klingenden Titel „Notfall Psyche – Gefahr auch für die Mitmenschen?“ über seelische Erkrankungen diskutiert wird? 

„Als Berufsstand sollten wir uns von laienpsychologischen Analysen und Zuschreibungen distanzieren“, fordert der Luft- und Raumfahrtpsychologe Dietrich Manzey in einem Interview, das die Deutsche Gesellschaft für Psychologie Anfang April verbreitete. Eine Forderung, die man nur unterstützen kann. Denn Vorurteile über psychisch Kranke waren schon vor der Flugzeugkatastrophe weit verbreitet. Das haben Matthias Angermeyer und Georg Schomerus in einem großen Langzeitvergleich festgestellt. Zweimal, 1990 und 2011, stellten sie je 3000 Teilnehmern Fragen wie: „Hätten Sie Bedenken, einen Menschen mit Depression für einen Job zu empfehlen?“ „Würden Sie einen Nachbarn akzeptieren, der unter Schizophrenie leidet?“ Etwa 30 Prozent der Befragten beantworteten 2011 diese Fragen negativ – das waren zehn Prozent mehr als bei der ersten Erhebung. Wie würde das Ergebnis wohl heute ausfallen? Fest steht: Wer Angst hat, mit seinen psychischen Problemen als verrückt oder gefährlich zu gelten, sucht „oft erst viel zu spät Hilfe“, so Georg Schomerus. 

Wie der österreichische Notfallpsychologe Cornel Binder-Krieglstein in diesem Heft erklärt, sind Informationen und die Möglichkeit einer klaren Schuldzuweisung nach einem traumatischen Ereignis durchaus hilfreich. Vor allem den direkt Betroffenen kann das bei der Bewältigung einer existenzbedrohenden Situation helfen (Seite 12). Doch in diesem Fall haben manche Medienvertreter und Experten ihre Sorgfaltspflicht verletzt. 

Gruppen haben die Psychologie schon immer interessiert. Viel wurde geforscht über ihre Dynamik oder den Konformitätszwang, den sie auf den Einzelnen ausüben. Und natürlich ist die unterstützende Wirkung von Selbsthilfegruppen bekannt. Doch obwohl unzählige Menschen in Gruppen aktiv sind (580 000 registrierte Vereine gibt es in Deutschland), waren diese alltäglichen Zusammenkünfte bislang kaum Thema der Forschung. Nun bestätigen neue Studien: Wer regelmäßig gemeinsam mit anderen singt, Karten spielt oder sich für eine gute Sache engagiert, hat seltener psychische Probleme und ist auch vor körperlichen Erkrankungen geschützter. Gruppen sind viel mehr als nur ein schöner Zeitvertreib (ab Seite 18).

Ihre
Ursula Nuber

 

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