Liebe Leserin, lieber Leser

07 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

Manche Ereignisse beschäftigen uns tagelang und bringen uns oft auch um den Schlaf: Ein Misserfolg, ein falsches Wort zur falschen Zeit, ein blamabler Fehler – es dauert unter Umständen sehr lange, bis wir solche Geschehnisse wieder aus dem Kopf bekommen. Dementsprechend schlecht ist unsere Stimmung. Seltsam nur: Wenn uns Schönes widerfährt – etwas gelingt uns, eine Begegnung ist bereichernd, jemand macht uns eine Freude –, gehen wir meist schnell zur Tagesordnung über.

Möglicherweise ist dieses Phänomen ein Erbe der Evolution. Das menschliche Gehirn funktionierte über einen unendlich langen Zeitraum vor allem als Gefahrensensor im Überlebenskampf: Hunger, Kälte, Feinde aller Art hatten oberste Priorität. Deshalb besitzen wir, so sieht es der Sozialpsychologe Martin Seligman, ein „katastrophisches Gehirn“, das immer auf das Schlimmste gefasst ist. Wir haben als Art überlebt, weil wir uns auf das konzentriert haben, was schieflaufen kann, nicht auf das, was gutgeht. Vom Guten geht schließlich keine Gefahr aus. Daher schalten wir, wenn alles glatt läuft, auf Autopilot. Konzentriert und bewusst sind wir vor allem wenn etwas nicht klappt. 

Nur: Was im Pleistozän nützlich war, ist in unserer modernen Welt nicht mehr dienlich. Wie wir unsere Erfahrungen bewerten, beeinflusst direkt unsere Stimmung und unser Wohlbefinden. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit vorwiegend auf das Problematische und haken das Positive schnell ab, laufen wir Gefahr, ein „Freudemangelsyndrom“ zu entwickeln. Dieser Begriff geht auf den amerikanischen Psychologen Paul Pearsall zurück, der vor einiger Zeit bei den Bewohnern westlicher Industrienationen eine „unbestimmte Traurigkeit inmitten des Wohlstands“ feststellte, eine Traurigkeit, die in der Regel nicht durch existenzielle Sorgen ausgelöst wird, sondern durch einen Verlust an Lebensfreude. 

Goethes Faust hoffte, sein „Freudemangelsyndrom“, seinen Lebensüberdruss, durch einen Pakt mit dem Teufel – tausche Seele gegen Genuss – vertreiben zu können. Sobald er, Faust, zum Augenblick sagen könne: „Verweile doch, du bist so schön“, wolle er „gern zugrunde gehn“. Auf Seite 19 finden Sie einen ungefährlicheren Vorschlag des amerikanischen Psychologen Fred Bryant. Sein Konzept des „Auskostens“ lehrt uns ganz ohne teuflische Unterstützung, die freudigen Momente, die es in jedem Leben gibt, nicht nur bewusster zu registrieren, sondern auch nach allen Regeln der Kunst zu zelebrieren. Auf diese Weise können wir dem katastrophischen Gehirn ein Schnippchen schlagen. 

Allerdings: Ein bisschen „teuflisch“ sollte es hin und wieder auch zugehen, meint der Philosoph Robert Pfaller. Er bedauert, dass wir – vernünftig wie wir sein wollen – inzwischen genau auf jene Genüsse verzichten, die das Leben erst so richtig lebenswert machen. „Ohne die Unvernunft unserer Ausgelassenheiten, Großzügigkeiten, Verschwendungen, unserer Geschenke, Feierlichkeiten, Heiterkeiten und Rauschzustände wäre unser Leben eine abgeschmackte Abfolge von Bedürfnissen“, schreibt er in seinem Buch Wofür es sich zu leben lohnt. Eine These, die er im Interview auf Seite 25 ausführt. 

Die Freuden links liegen lassen, immer nur vernünftig sein und sich keine Ausschweifungen gönnen – das wäre der Sieg unseres katastrophisierenden Gehirns im Verbund mit der protestantischen Verzichtsethik. Wer darauf keine Lust hat, schreibe sich die Formel des Apple-Mitbegründers Steve Wozniak an den Kühlschrank: H = F³. Happiness = Food, Fun und Friends. 

Ihre
Ursula Nuber

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