Liebe Leserin, lieber Leser

10 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

„Es ist nicht zu glauben, wie schlau und erfinderisch die Menschen sind, um Entscheidungen aus dem Weg zu gehen.“ Schon zu Zeiten des Philosophen Søren Kierkegaard litten die Menschen offensichtlich unter Entschlusslosigkeit. Heute sind Entscheidungen ganz sicher noch schwerer zu treffen als damals. Die Optionen sind zahlreich, oft unüberschaubar – und vor allem lassen sie sich nur selten nach dem Muster „ja oder nein?“, „gut oder böse?“, „Was spricht dafür, was dagegen?“ beurteilen. Man kann noch so viele Pro-und-Contra-Überlegungen anstellen und die verschiedenen Alternativen abwägen, die Entscheidungsblockade löst sich nicht auf. Mal sagt der Bauch „ja“, und der Verstand hat Einwände, mal ist es genau umgekehrt. Man dreht sich im Kreis. 

Wer in einer solchen Falle steckt, mache einen grundlegenden Fehler, erklärt die Philosophin Ruth Chang in unserer Titelgeschichte auf Seite 18. Er glaube, dass eine der Alternativen auf jeden Fall besser sei als die andere und er nur herausfinden müsse, um welche es sich handelt. Das aber, so Chang, sei ein Irrtum. Gerade bei schwierigen Entscheidungen ist oft keine Option der anderen überlegen; jede hat Vorteile, jede hat Nachteile. In solchen Situationen bringt einen die Frage „Was ist besser?“ nicht weiter. Was aber dann? 

Das englische Verb to decide kommt vom lateinischen decidere. Das heißt unter anderem „abschneiden“, nämlich die Diskussion oder die Überlegungen. Und der Duden definiert „entscheiden“ so: „Nach Prüfen, Vergleichen oder kurzem Besinnen in einem Entschluss seine Wahl auf jemanden, etwas festlegen.“ Nicht mehr weiterdenken, sich auf eine Alternative festlegen – das ist die große Kunst der Entscheidung. Wer sie beherrscht, besitzt eine wichtige Kompetenz, die gerade in der heutigen Zeit der Selbst­optimierung eine enorme Entlastung bietet. „Sich festlegen ist der Gegenpol zum Streben nach immer mehr“, sagt der Philosoph Robert E. Goodin. „Wir legen uns fest in der Überzeugung, dass das getroffene Arrangement nicht schlechter ist als ein anderes, auf das wir uns auch hätten festlegen können“, erklärt Goodin, der an der University of Essex lehrt. Er ist überzeugt: Wenn wir uns in dem Bewusstsein, nicht die allerbeste Entscheidung zu treffen, auf eine Alternative einlassen, sind wir auf jeden Fall besser dran, als wenn wir weiter nach dem Optimalen streben. Denn wenn wir uns festlegen, machen wir „klar Schiff“ und können unsere Aufmerksamkeit ganz dem Projekt, für das wir uns entschieden haben, aber auch anderen Dingen widmen. Doch nach welchem Kriterium legt man sich fest? 

Die Passung muss stimmen, sagt Chang. Man sollte sich für die Alternative entscheiden, die am besten mit der eigenen Persönlichkeit, den eigenen Werten und Zielen übereinstimmt. Und zu der man auch dann noch voll und ganz stehen kann, wenn sie sich als schwierig herausstellt. Oder gar irgendwann als falsch. Denn die meisten Menschen söhnen sich mit einer falschen Entscheidung eher aus, wenn sie etwas gewagt haben und ihren Gefühlen gefolgt sind. Falsche Entscheidungen belasten mehr, wenn man gegen die innere Stimme gehandelt und etwas aus Vorsicht oder Rücksicht nicht getan hat. So gesehen kann eine Entscheidung, die man in Übereinstimmung mit seinen Werten, Träumen und Zielen getroffen hat, eigentlich niemals eine falsche Entscheidung sein. 

Ihre Ursula Nuber

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