Liebe Leserin, lieber Leser

11 / 2015 von:  Ursula Nuber
 

Louis van Gaal, Fußballtrainer, baut sein Trainingskonzept auf vier Schlüsselsituationen auf: „Wir haben den Ball. Wir verlieren den Ball. Der Gegner hat den Ball. Der Gegner verliert den Ball.“ Simple Grundregeln, wie man sich in diesen vier Situationen verhält, sind seiner Meinung nach Erfolgsgaranten für ein erfolgreiches Fußballspiel. 

Als Moses mit der Gesetzestafel vom Berg Sinai herunterkam, verkündete er den Wartenden eine gute und eine schlechte Nachricht: „Ich habe IHN von 15 auf 10 Gebote herunterhandeln können. Aber leider ist Ehebruch noch dabei.“ So enttäuschend das vielleicht für manche aus dem Volk Israel gewesen sein mag – die 10 Gebote ersparten ihnen (und ersparen auch uns immer noch) die Mühe, ständig neu definieren zu müssen, was richtig und was falsch ist. 

Moses und van Gaal in einem Atemzug zu nennen mag seltsam klingen. Aber beide haben etwas gemeinsam: Sie verwenden Heuristiken (griech. heuriskein = finden), einfache Faustregeln, um ein komplexes Geschehen (hier das Zusammenleben eines Volkes, dort ein 90-minütiges Fußballspiel mit 22 Akteuren) zu vereinfachen. Heuristiken ermöglichen Entscheidungen und effizientes Handeln, selbst dann, wenn man nicht alle Fakten kennt. Gerade unter „Bedingungen begrenzter Rationalität“ (bounded rationality), wie der Psychologe und Nobelpreisträger Herbert Simon es nannte, sind einfache Regeln unverzichtbar. Wenn wir zu wenig Zeit haben, es zu viele unüberschaubare Informationen gibt oder wenn uns schlicht das Wissen fehlt, bewahren uns Faustregeln vor dem Stillstand. 

Eine Faustregel, die wir alle anwenden, ist zum Beispiel die „Rekognitionsheuristik“. Der Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, hat sie in einer interessanten Studie belegt. Er befragte in Deutschland Leute, welche Stadt wohl mehr Einwohner habe – Detroit oder Milwaukee –, und so gut wie alle wussten die richtige Antwort: Detroit. Nicht, dass die Befragten so fit in Erdkunde gewesen wären. Nein, sie wandten nur eine Regel an, die da lautet: „Wenn du den Namen einer Stadt, aber nicht den der anderen erkennst, dann schließe daraus, dass die wiedererkannte Stadt mehr Einwohner hat.“ 

Heuristiken wie diese (und weitere, die wir in unserer Titelgeschichte auf Seite 18 vorstellen) werden in unserem Leben immer wichtiger. Denn die Komplexität des Alltags nimmt ständig zu. Es ist unmöglich, auf jedem Gebiet, das für unser Leben von Bedeutung ist, wirklich Bescheid zu wissen. Wer hat schon die Zeit, Kurse zu besuchen, um die Kamerafunktion seines Smartphones bis ins Letzte zu begreifen? Kann man je wirklich wissen, wie man am besten sein Geld anlegt? Einfache Regeln helfen uns, die Komplexität zu reduzieren, sie schlagen eine Schneise in die Unübersichtlichkeit. 

Die Entlastungsfunktion dieser Heuristiken ist enorm. Deshalb sollten wir sie nicht nur intuitiv anwenden, sondern viel bewusster in unseren Alltag integrieren. Sie verhelfen uns zu der Einfachheit, nach der wir uns doch alle sehnen.  

Übrigens: Falls Sie sich Gedanken machen, wie der Winter wird und ob Sie Ihren Skiurlaub buchen sollen, hilft diese Faustregel aus dem Bauernkalender weiter: „Wenn golden und warm der Oktober sich zeigt, der Januar zu grimmiger Kälte neigt.“

Ihre Ursula Nuber

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele

Psychogramm einer überforderten Gesellschaft
gebunden, 256 Seiten, oekom Verlag, 2017

22,00 €inkl. 7% MwSt.