Liebe Leserin, lieber Leser

10 / 2016 von:  Ursula Nuber
 

Was ich leite, läuft rund.“ „Ich lege keinen 14-Punkte-Plan vor, wenn ich ein Geschäft abschließen will. Nein, ich gehe raus und schließe das Geschäft ab.“ „Der beste Präsident, den Gott je erschaffen hat.“ Donald Trump, der Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner, kennt keine Selbstzweifel. Auch Politiker wie Recep Tayyip Erdoğan oder Wladimir Putin können sich an sich selbst berauschen und werden dafür von immer größeren Anhängerscharen gefeiert. Politiker mit einem aufgeblähten Ego, die ihren Narzissmus ungebremst ausleben, kommen bei den Massen an. Ein Rätsel für sich. Oder auch wieder nicht. Denn der Narzissmus scheint die Leitneurose westlicher Gesellschaften zu sein.

Der amerikanische Historiker Warren Susman meinte, die westliche Welt habe in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einen Wechsel vollzogen – von der „Kultur des Charakters“ zum „Kult der Persönlichkeit“. Es sei immer wichtiger geworden, an der Außendarstellung zu arbeiten, als den Charakter, die inneren Werte zu entwickeln. Wir seien, so Susman, zu „Verkäufern unserer selbst“ geworden. Die Schau- und Zeigelust blüht, das Eindruckschinden und die Selbstreklame sind moderne Tugenden geworden. Egomanen dominieren das öffentliche Leben. Mit ihrer Lust am Sich-auf-die-Schulter-Klopfen und ihrem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit setzen sie die Maßstäbe. „Wir leben in einem Wertesystem, das vom ‚Ideal der Extraversion‘ geprägt ist – dem allgegenwärtigen Glauben, der Idealmensch sei gesellig, ein Alphatier und fühle sich im Rampenlicht wohl“, schreibt die Autorin Susan Cain.

Doch dieses Idealbild bekommt langsam Risse. Das aufgeblähte Selbst hat Schattenseiten, für die von sich selbst Überzeugten ebenso wie für die Gesellschaft als Ganzes. Wie die Skandale bei VW, Siemens oder der Deutschen Bank zeigen, kommt es die Wirtschaft teuer zu stehen, wenn sich „brillante“ Manager für unantastbar halten. Ganz abgesehen davon, dass das Selbstwertgefühl von „Ichlingen“ sofort gefährdet ist, wenn Lob und Likes ausbleiben und stattdessen Kritik oder Nichtbeachtung verkraftet werden müssen. Wer von sich selbst allzu überzeugt ist, ist nicht mehr offen für andere Meinungen, für Neues. Er wird defensiv – das Ego muss mit großem Aufwand verteidigt werden. Im Extremfall, das zeigt das Schicksal einiger sich ausgeschlossen und isoliert Fühlender, ist der Amoklauf die letzte Konsequenz.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ein starkes Selbst ist nach wie vor ein wichtiges Ziel der Persönlichkeitsentwicklung. Aber es muss nicht laut daherkommen, wie eine neue Forschungsrichtung in der Psychologie belegt (Seite 18). Wahre Stärke besitzt, wer sich nicht allzu wichtig nimmt und sich – zu seinem eigenen Wohl – auch mal zurücknehmen kann. Das laute Ich wird zunehmend als Feind der Lebenszufriedenheit gesehen und mit Phänomenen wie Erschöpfung, Stress, Entfremdung, Burnout und Überforderung in Verbindung gebracht.

Die Stillen im Lande, die bislang immer erfahren mussten, dass Zurückhaltung und Bescheidenheit Persönlichkeitsmerkmale zweiter Klasse seien, werden dies mit Genugtuung hören.

Ihre Ursula Nuber

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